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20. September 2026

Im Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig kann man sich auf tausend Arten erschüttern lassen. Einzelne Exponate werde ich nicht mehr vergessen, etwa das Plakat mit dem lächelnden Zopf-Mädchen und dem Text »Auch du gehörst dem Führer«. Oder das Taschentuch, auf das der Pole Bolesław Wnuk einen Brief an seine Liebsten geschrieben hat, bevor er von den Deutschen erschossen wurde. Was waren das für Horrorjahre für die Menschheit … Später esse ich in der schön wieder aufgebauten Altstadt an einem rosa Tischchen zwischen rosa Plastikblüten ein rosa Eis und denke: Wäre Elon Musk mit seinen zur Zeit 900 Milliarden Dollar reich genug, um sämtliche Waffenproduktions- und Waffenerfindungsstätten der Welt aufzukaufen und anschließend in Schutt und Asche zu legen? Es ergäbe eine frische Ausgangslage für unsere geschundene Erde. Musk, vergiss den Mars. Stell dich dem Kriegsgott hienieden.

19. September 2026

Der Ostseestrand von Jelitkowo nach Sopot ist an diesem Morgen noch beinahe leer. Die Möwen sind da – die kleinen Lach- und die großen Silbermöwen –, ein paar wenige Jogger rennen barfuß die sanften Wellen entlang, der Sand ist kühl und der Tag ist frisch. Was steht dort vorne ganz allein mitten im Sandfeld? Ein Rollstuhl. Langsam gehe ich darauf zu und daran vorbei und sehe die alte Frau, die da sitzt, aber sie sieht mich nicht, sie blickt reglos durch mich hindurch, hinaus aufs Meer, in die Weite, in die Ewigkeit. Jemand hat sie da abgestellt und wird sie wohl nach ein paar Stunden wieder holen und zurückreißen ins laute Leben.

18. September 2026

»Um neun Uhr neunundzwanzig lande ich in Danzig.« Ha, da ist mir gleich zu Anfang der Reise ein Reim gelungen. Was passt sonst noch auf Danzig? Nur ranzig. Aber es riecht nicht ranzig in Danzig. Man soll hier nicht reimen wollen. Und doch hat der Schriftsteller Erich Mühsam (1878 geboren, 1934 von den Nazis ermordet) sogar einen Schüttelreim zustande gebracht: »Man wollte sie zu zwanzig Dingen in einem Haus in Danzig zwingen.« Auch von Mühsam: »Man soll sich nicht in Häuschen laben, wo die Bewohner Läuschen haben.« Ich habe mich in Danzig drei Tage lang ganz wunderbar in lauslosen Gaststätten gelabt.

2. September 2026

Manchmal macht einem der Tag aus heiterem Himmel ein Geschenk – einen Duft von Harz, eine freudige Erinnerung, eine Amsel auf dem Fensterbrett, ein Leuchten, ein Lachen … Heute habe ich beim Lesen des Tages-Anzeigers so richtig tief unten gelacht. Und danach alle paar Stunden noch mal, wenn mir der Text wieder in den Sinn gekommen ist. Dabei handelt er gar nicht von etwas Lustigem, im Gegenteil. Es geht um einen Mann, dessen Frau unheilbar erkrankt ist. Man erfährt, wie er sich um sie und den Haushalt kümmert. Da steht: »Karl kocht und pflegt sie während zehn Jahren.«

28. August 2026

Es scheint mir unwahrscheinlich, dass man einen uralten großen Baum so richtig hassen kann. Er ist doch ein freundliches Monument für das Leben, und das Leben ist ja erst mal das Wichtigste, denn ohne Leben geht bekanntlich gar nichts. Darum weiß ich nicht, warum sich jemand nachts zur zweihundertjährigen Eiche auf dem freien Feld oder zur hundertjährigen Platane im Stadtpark schleicht, um sie umzubringen. Mit Bohrer und Glyphosat. Löcher in die Wurzelhälse drillt und Gift einlaufen lässt. Sich freut, dass der Riese sterben wird. In Deutschland häufen sich solche Fälle. Wer tut so was warum? Was für ein Gift hat man diesen Menschen ins Hirn gespritzt?

15. August 2026

Kürzlich in der Zeitung gesehen: ein Stillleben des spanischen Malers Francisco de Zurbarán aus dem Jahr 1633. Ich wusste nicht, warum es mir auf Anhieb so gefiel, warum meine Augen so lange darauf verweilen wollten, wo es doch bloß mäßig beleuchtete, sehr gewöhnliche Sachen auf einem Tisch im Dunklen zeigt – erstens einen Teller mit vier Zitronen, zweiten einen Korb mit sichtbar fünf Orangen plus Orangenzweig, drittens einen Teller mit Becher plus Rose. Alles strikt nebeneinander. Alles so ordentlich wie auf einem Verkaufsregal. Keine üppige sich entblätternde Rose, keine sich ringelnde Zitronenschale, keine vor Saft triefende Orange. Einfach da-seiende Dinge, kein Still-Leben, ein Still-Sein. Ach, Herr de Zurbarán, ich hätte Sie gern gekannt.

13. August 2026

Freund R. fragt per Mail: »Habt ihr meine Nachricht erhalten?« »Nein, haben wir nicht, aber schön, von dir zu hören. So wissen wir, dass du die Herz-OP gut überstanden hast.« Ja, mailt er zurück, aber er sei nicht in bester Stimmung, sei wieder im Spital, Darmkrebs jetzt, Stadium 4. »Könnt ihr mir einen kleinen Gefallen tun?« Er müsse vor der Operation noch dringend eine Zahlung machen. Wir sollen bitte vier Apple Gift Cards zu 200 Franken kaufen gehen, zum Beispiel in der Post, diese dann öffnen und ihm je ein Foto des Auflade-Codes mailen. »Bitte ruft nicht an. Das soll vertraulich bleiben. Man darf im Beobachtungsraum eh nicht telefonieren. Ich warte auf eure Hilfe.« Armer R.! Ich fahre sofort zur Post und erkläre der Postbeamtin die Situation. Mit solchen Karten werde oft betrogen, sagt sie. »Rufen Sie zuerst ihren Freund an.« Das tu ich. Er ist zu Hause. Nix Krebs bei R.! Dafür wird bei mir akute Dummheit diagnostiziert. Stadium 4.

12. August 2026

Der Kürbis schleicht ums Haus. Erst legt er zwei rosafarbene Köpfe aufs Beet, dann klettert er übers Birnenspalier die Hauswand hoch, hört sich mit den babyelefantenohrgroßen Blättern um und tastet sich um die Hausecke, von der Ostwand an die Nordwand, legt sich da auf die Schultern des Efeumantels und produziert einen weiteren rosafarbenen Kopf, schleicht an unserem Esszimmerfenster vorbei, dann am Küchenfenster, die riesigen Lauscherohren immer aufgestellt. Jetzt ist er am Toilettenfenster angelangt. Entweder wandert er noch weiter an die Westseite des Hauses oder er greift durchs Fenster und schlingt sich uns um den Hals, und das war’s dann.

6. August 2026

Heute lese ich im ZEIT Magazin die Anzeigen auf der Seite »Kennenlernen« und fühle mich aufs Mal naturverb. und viels. inters. Bin auch grha., schlk., blaäug., mehrspr., ortsgeb., nicht sehr sprtl., aber bewgl. Ich liebe alles Schö und Gu, mag schrb. und lsn und die Arbt im Grtn. Ich habe 2 Ktzn namens Mx und Mrtz Ich kann zärtl. sein, aber auch wütnd, bin snsbl, aber auch stsch, bin nicht mehr gutaus., aber gsnd. Gelte als vstndvl und alltgstaugl. Bin w., suche keine Bez., bin seit 63 Jrn. verh. mit humvl. Mn., den ich immer noch lbe. – Glck!

23. Juli 2026

Wir sitzen draußen am Steintisch, und mein Enkel L. blickte immer wieder mal rüber zur Wiese. Nun ja, denke ich, er hat wohl genug vom Gespräch der Alten. Doch die Wiese, kurzgemäht und trocken, scheint mir kaum spannender, bis L. auf den Maulwurfshügel zeigt. Dort bewegt sich etwas! Erde rieselt, nur sachte, nur wenig. Dann steht die Erde wieder eine Weile still. Aber wir wissen: Dort drin ist jemand. Dort drin tut jemand, was er muss. Im Dunkeln. Allein. Er wird im Lauf des Tags noch weitere Hügel aufwerfen – mir grad so viel feinen Aushub liefern, wie ich fürs Pflanzloch der Rose brauche.

21. Juli 2026

Heute habe ich Couscous gekocht, habe ihn so sehr versalzen, dass er nicht mehr zu retten war. Habe neuen Couscous aufgesetzt, diesen so stark anbrennen lassen, dass er nicht mehr zu retten war. Dann halt einfach Brot stattdessen! Das Brot war schon etwas hart, sodass ich beim Schneiden abgerutscht bin – in den Finger. Etwas zu hastig bin ich aus der Küche geeilt und habe dabei die aufgerissene Couscous-Tüte zu Boden gefegt. Ich habe nach einem passenden Pflaster gesucht, doch die richtige Größe war ausgegangen. Gute Idee, dachte ich, schlüpfte in meine schönen Schuhe und ging auch aus.

18. Juli 2026

»Zucker in Milch« erinnert mich an die Caramels, die wir als Kinder machten. Von Zucker in Milch steht heute etwas in der Zeitung; Astronomen haben nahe am Zentrum der Milchstraße Zucker gefunden, in einer Gaswolke namens G+0.693-0.027 . Der Zucker heißt Erythrulose und kommt auf der Erde zum Beispiel in Himbeeren vor. Die Tatsache – so lese ich –, dass so ein komplexes organisches Molekül im Weltall existiert, macht klar: Die chemischen Voraussetzungen für Leben gibt es nicht nur auf der Erde, sie entstehen ganz natürlich im Kosmos. Für unsere Vorstellung vom Ursprung des Lebens ist das wesentlich. Um so etwas richtig zu verstehen, müsste ich im Hirn sehr sehr lange rühren, wie seinerzeit im Kochtopf für die Caramels.

17. Juli 2026

Gestern Abend war großer Sturm, aber heute Morgen ist der Wald so still wie ein vergessenes Märchen. Auf dem Weg liegen Tannzäpfchen wie verstreute Blumen an einer Hochzeit. Jemand scheint unterwegs gewesen sein, sich das Ja-Wort zu geben, vielleicht Fuchs und Füchsin. Willst du mich lieben, bis dass der Jäger uns scheidet? Die Füchsin muss sich die Lindenblütenkrone vom Kopf gerissen haben, Reste davon liegen herum. Und auch das Brautkleid hat sie abgeworfen, da liegt nämlich mitten auf dem Weg ein grüner Umhang aus Rotbuchenlaub, symbolisch bestickt mit Kapseln voll heranreifender Buchnüsschen. »Reineke, vergiss es«, hat sie gerufen, »ich liebe dich nicht, ich verschwinde! Kannst es ja im Januar noch mal versuchen, zur Ranzzeit!« Übrigens hat der große Sturm auch noch eine Eiche, zwei Föhren und einen Ahorn umgelegt

10. Juli 2026

Als Frau M. ihren dementen Mann im Pflegeheim besucht, sieht sie ihn von weitem mit einer anderen Frau auf einer Gartenbank sitzen. Sie erschrickt ein bisschen, weil sich die beiden simultan von der Gartenbank erheben und dann Hand in Hand Richtung Heimkapelle gehen. Frau M. folgt ihnen in einigem Abstand und erschrickt wieder ein bisschen, weil die beiden nun Hand in Hand in der Kirchenbank sitzen. Der Mann dreht Frau M. den Kopf zu und nickt freundlich. Er ist immer ein freundlicher Mann gewesen.

19. Juni 2026

Aufgewacht, sechs Uhr, hallo schöner Sommertag, was bringst du? Durchs Fenster kommt ein Rauschen, nein Branden, nein Brausen, ach je, der Gartenschlauch muss wieder mal geplatzt sein, bitte keine Überschwemmung! Ich renne ins Freie, der Schlauch schläft noch friedlich geringelt im Gras, das Geräusch kommt von anderswo, von der grossen Linde. Da sind Bienen drin, bestimmt zehntausende! Summend, suchend, süchtig im Nektarrausch. Lauschend bleibe ich eine Weile unter dem Baum, mitten im betörenden steten Bienenbrausen. Let it bee!

18. Juni 2026

»Hoffnung« heisst eine Station der Buslinie 751 – schön. Da steige ich ein, und ein Büblein rutscht sofort vom Sitz und macht mir Platz. Der Bus ist rappelvoll mit Büblein und Mägdlein im Kindergartenalter, es sind sechsundvierzig, sagt eine Begleiterin. Sie fahren in den Zoo, sind bunt ausstaffiert von Kopf bis Fuss, viel Pink und Gelb und Lila. Dicht aneinander stehend und halb aufeinander sitzend halten sie sich irgendwo fest, und wenn der Bus in die Kurve fährt, geben sie ein Piepen, Girren und Jauchzen von sich. Es hört sich an wie eine exotische Volière, und es fühlt sich an wie eine fröhliche Ladung für die Zukunft.

17. Juni 2026

Nur noch vier Tage, nur noch viermal schlafen! Und dann ist er da, der üble, üble 21. Juni. Hockt im Kalender und lässt sich nicht hinausschieben. Kannst bitten und flehen, soviel du willst. Er ist und bleibt der längste Tag, und nach ihm fängt der Winter an. Ja, zugegeben, nicht gleich mit Schnee und Schlottern. Ja, zugegeben, der Sommer kann noch herrlich und der Herbst noch zauberhaft werden. Aber das verheißungsvolle, knospende, blühende erste Halbjahr ist vorbei, fertig, aus. Die Tage werden kürzer und kürzer und kürzer. Nur noch viermal ...

11. Juni 2026

In einer Anzeige bei Instagram steht: »Ich habe es satt, mich dauernd mit meiner Hornhaut herumzuschlagen!« Der sprachlich korrekte Satz verfilmt sich umgehend, und ich sehe mit Schaudern, wie sich eine Hornhaut von einem Fuß löst und selbständig macht und nun wie ein wild flatterndes Fensterleder auf den zum Fuß gehörigen Menschen eindrischt, links und rechts, peitsch und knatter, knall und klatsch. Die Hornhaut haut, der Mensch schlägt zurück, doch die Hornhaut duckt sich, weicht aus, ein Grinsen im bleichen zernarbten Gesicht.

19. Mai 2026

Ich starre im Warenhaus geradeaus, um mir den vergessenen Einkaufszettel vorzustellen, da sehe ich den klauenden Mann. Er studiert intensiv mit schrägem Kopf die Waren oben im Regal, derweil seine Hand etwas von unten nimmt und in die Jackentasche gleiten lässt. Noch zweimal macht das die Hand. Dann dreht sich der Mann um, lächelt mir zu und geht von dannen. Klar, dass ich nachschaue, wohin die Hand gegriffen hat – zu den Taschenmessern, zu den teuren. Da werden sich wohl drei nette Menschen über ein schönes Geschenk freuen.

14. Mai 2026

Aufregung: Es gibt einen neuen Vogel in unserem Garten. So einer war noch nie da, rundlich und spatzenklein, die Oberseite tiefschwarz, die Unterseite blendend weiss. Ich hab gleich nachgelesen: Ein männlicher Trauerschnäpper ist's, nur grad etwa 10 Gramm schwer. Und dieser Winzling wird im August übers Mittelmeer nach Zentralafrika ins Winterquartier zurückfliegen! Er wird nachts fliegen und tags ruhen, aber die Sahara, die überquert er nonstop – in rund fünfzig Stunden. Was für eine Leistung. Und wir Riesentrampel haben uns etwas eingebildet, wenn wir sechs Stunden gewandert sind …

7. Mai 2026

Heute ist die Trauerfeier für ein Ehepaar, das ich von weitem gekannt habe. Angesehene Architekten beide, weit über 90 beide. Sie starben am selben Tag, sie starben zusammen, so hatten sie es beschlossen. Ich versuche mir vorzustellen, wie es ist, wenn man gemeinsam auf das allerletzte Tor zu geht. Ob man sich an der Hand hält. Ob man den Gang des andern spürt. Ob sich die Schritte verändern. Und wenn sich das Tor dann öffnet, ob es breit genug ist für zwei, oder ob man schließlich doch allein hindurch muss.

3. Mai 2026

Als ich meine alten Knochen ächzend auf dem Stuhl platziere, fällt mir ein Satz von Max Frisch ein: »Wer alt wird, ist selber schuld« (2. Tagebuch, 1971). Recht hatte er, der gescheite Frisch, dessen Schreiben ich seit November 1957 bewundere. Damals las er in »meinem« Schulhaus Musegg in Luzern aus seinem brandneuen Roman »Homo Faber«. Ich war hin und weg – es war, als hätte er für mich ein Fenster aufgerissen. Was für ein aufregendes Gewitter da draußen, und was für eine kühle, klare Sprache, die hereinströmte.

20. April 2026

Ein Ungeheuer schwankt, torkelt, krabbelt über die Origanostaude. Bestimmt gut drei Zentimeter lang, sechsbeinig und geflügelt. Ein Kopf wie aus dem Gruselkabinett, zwei Antennen, zwei Riesenaugen, dazwischen drei kleine Knopfaugen. Ein Leib wie aus dem Modejournal, gestreift und gepunktet, gelb und rot und braun. Was für ein Fabelwesen, und das in unserem Garten! Es ist – so habe ich inzwischen nachgelesen – eine Hornissen-Königin, soeben aus dem Winterschlaf erwacht. Your Majesty, Ma'am, welcome to Spring Palace.

18. April 2026

In der Früh zwischen sechs und sieben ‒ die Sonne noch nicht ganz über dem Waldsaum, die Birnbaumblüten noch nicht ganz geöffnet, die Amseln noch nicht ganz laut, mein Kopf noch nicht ganz wach ‒ wandere ich um die große Lichtung und sehe von Weitem etwas Schwarzweißes. Das sind Kühe! Seit Jahren waren hier keine Kühe mehr ‒ guten Morgen, ihr Schönen! Eine, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, alle nah beisammen am Zaun. Und weitab, mitten auf der Wiese, steht reglos die achte Kuh und denkt. Wesen wie sie brauchen wir.