28. September 2015

Heute Morgen zwischen vier und fünf Uhr färbte der Erdschatten den Mond dunkelrot ein. Schön sah er aus, groß und seltsam nah trotz seiner Ferne. Vom »Blutmond« schreiben die Zeitungen. Was für ein Wort. Zu den expressionistischen Dichtern hätte es gepasst, zu Trakl, zu Loerke. Ei, wie haben sie mir gefallen, als ich zwanzig war, ihre Altäre aus Worten, auf denen sie Lust und Furcht zelebrieren. Schwere Sprachkelche, gefüllt mit Weh. Ulmen heißen nicht Ulmen, sondern Rüster, und wenn es für ein gewöhnliches Wort keinen geeigneten Ersatz gibt, wird es in blaue Schleier gewickelt oder in Scharlachglanz getunkt. Blutmond, was für ein wunderbares Wort. Zum Reimen allerdings schlecht geeignet.

Aus »Tage, Tage«