Heute der erste Schnee. Die Bäume sind in weiße Stickereien gehüllt, und der Bambus verneigt sich reglos vor Herrn Winter, bis man ihn freischüttelt. Heute auch der erste Daiquiri. Habe diesen Hemingway-Drink vorher noch nie serviert bekommen. »Heute der-die-das erste …« kann ich nicht mehr so oft sagen. Umso häufiger »Heute der-die-das letzte … « Ich bin nun mal alt und muss ich mich damit abfinden. Zum letzten Mal eine Sprache erlernt. Zum letzten Mal Ski gefahren. Zum letzten Mal nach Afrika geflogen. Zum letzten Mal ein Kätzchen zu uns geholt. Zum letzten Mal meine Schwester umarmt.

Hier geht es um Hühnerhaut, und wer das liest, bekommt vielleicht eine: Nach dem Herzstillstand gelangt kein sauerstoffreiches Blut mehr zu den Organen. Sie reagieren nicht alle gleich rasch auf diesen Mangel. Rechtsmediziner nutzen entsprechende Effekte, um den Todeszeitpunkt einzugrenzen. Ein Beispiel: Wenn man einem eben gestorbenen Menschen sanft über die Haut streicht, kann er noch Hühnerhaut bekommen. Oder Hennenhaut oder Gänsehaut oder Chair de Poule - je nachdem auf welcher Seite des Rheins er gestorben ist. 

Ich habe einen Namensvetter, der auch Bücher schrieb: Burkard Waldis, geboren 1490 im deutschen Allendorf, Sohn vermögender Salzhändler, wurde Franziskaner in Riga, reiste zum Papst, um Hilfe gegen die Reformation zu erbitten, wurde in Riga von den Protestanten eingekerkert, konvertierte, wurde Zinngießer, fing an zu dichten, heiratete die Witwe Schulthe, kam wegen Ketzerei erneut in den Kerker, wurde gefoltert, studierte Theologe, hörte Luthers Vorlesungen, wurde Feldprediger, wurde Pfarrer in Abterode, heiratete die Witwe Heistermann und starb 1556 an einem Schlaganfall. Seine Fabelsammlung »Esopus« liest heute niemand mehr. Sein Fasnachtsspiel »Die Parabel vom verlorenen Sohn« spielt heute niemand mehr. Aber sein Sinnspruch »Alles für die Katz« wird immer noch verwendet. So geht seine Geschichte: Wenn der Schmied für seine Arbeit nur mit einem »Danke« entlohnt wurde, schenkte er dieses »Danke« jeweils der Katz in der Werkstatt. Die konnte davon nicht leben, magerte ab und starb.

»Tiere wurden schon immer gegessen«. So argumentieren Anti-Vegetarier. Mit »schon immer« kann man beim Argumentieren ganz schön danebenhauen: »Ohrfeigen hat man schon immer verabreicht.« »Neger hat man schon immer gesagt.« »Regiert haben schon immer die Männer.« »Ein Schnaps hat schon immer geholfen.« »Heiße Sommer hat es schon immer gegeben.» »Frauen wollten schon immer heiraten.« Aber jetzt, aber jetzt, aber jetzt, aber jetzt, aber jetzt haben wir andere Zeiten. Oder sind wir etwa schon immer ins Weltall gereist, schon immer ins World Wide Web abgetaucht? Haben wir schon immer in einer Intensivstation überleben oder digital die große Liebe finden können?

1 Stunde und 37 Minuten dauert die Fahrt im Schnellzug von Bellinzona nach Zürich. 1 Seite Vorlesen aus meinem neuen Buch dauert 2,3 Minuten. Ich könnte also von Bellinzona bis Zürich den Passagieren 42 Seiten vorlesen und käme bis zur Stelle, wo der sechzehnjährige Nick sich erinnert, wie er Nora küsste: »… das war eine neue Art von Kuss, er rauschte vom Mund in die Glieder.« Dann wäre die Durchsage »Nächster Halt Zürich Hauptbahnhof« zu hören, und ich wäre heiser. Man kann natürlich auch 1 Stunde und 37 Minuten schweigen. Das haben Vater und Sohn auf den Sitzen nebenan gemacht. Einsteigen, wortlos Jacke abstreifen, sich setzen, Handy und Kopfhörer hervorholen und abtauchen. Ach je, dachte ich, die Armen, sie haben Streit oder etwas Schlimmes erlebt oder fahren an ein Sterbebett. Ich lag falsch. Als sie in  Zürich schweigend ausstiegen, lachten sie sich sehr lieb an. Der Junge war etwa 12 und wird in etwa 4 Jahren ein Mädchen küssen.

Ein Kastanien-Jahr wie schon lange nicht mehr. Es lässt sich schlecht wandern auf den Waldpfaden rund um Sessa, weil man sich dauernd bücken will nach dieser und jener und noch einer und noch einer Kastanie. So groß, so glatt, so wunderbar glänzend sind sie, die darf man doch nicht einfach liegen lassen. Sammeln, sammeln! Die schönste trage ich nun in meiner Jackentasche mit, ich umfasse sie immer wieder mal und drücke sie tief in meine Hand, wenn ich für Menschen, die mir lieb sind, auf etwas hoffe.  Etwa dass eine Prüfung gelingt. Eine Angst schwindet. Ein Liebeskummer vergeht. Oder ich brauche sie ganz eigennützig für den Wunsch, dass aus meinem Manus  doch noch was wird.

Es ist anzunehmen, dass es Mutter und Sohn sind, die beiden auf dem Bänkchen im Bahnhof von Ponte Tresa, und ich kann sie durchs Fenster des stehenden Zugs schamlos beobachten – sie schmal und alt, er dick und in den besten Jahren. Soeben hat er für sich und sie ein Los zum Rubbeln gekauft, und nun rubbeln sie stumm und mit ernstem Gesicht. Ob sie hoffen und worauf, ist ihnen nicht anzusehen. Wie sieht denn Hoffnung überhaupt aus? Sie sitzt, die Schühlein artig nebeneinander, er hockt, die Beine breit. Mein Zug fährt in einer Minute. Beide bleiben stumm, als er die Lose zerreißt. Sie bückt sich nach einem Schnipsel, das zu Boden gefallen ist.

Statt auf direktem Weg in den Süden zu fahren, haben wir einen Abstecher über Versam gemacht ­­­– was für ein wunderschönes altes Dorf, am Eingang zum Safiental, auf einer Terrasse hoch über der Rheinschlucht … So schön, um umgehend etwas über seine Geschichte ergoogeln zu wollen. Und da stößt man bald auf den Hinweis, dass aus dieser Gegend Anfang des 19. Jahrhunderts ein mancher als Söldner nach Neapel zog, in den Dienst der spanischen Dynastie Bourbon-Sizilien. Etwa Christian Ruosch, Tambour, starb mit 27 im Ospedale del Sacramento in Neapel. Oder Johann Gartmann, erschoss sich mit 39 in Palermo. Oder Johannes Buchli, mit 27 aus dem Dienst entlassen, wanderte später mit Frau und vier Töchtern nach Amerika aus und wurde Mormone. Oder Lazarus Buchli, beging mit 41 Fahnenflucht, war später Schulmeister in Versam und Vater von acht Kindern. Lebensläufe und Schicksale. Pläne und Hoffnungen. Trauer und Glück. Da, dort, wie eh und je.

Wenn ich unterwegs bin, lese ich zur Unterhaltung oft Beschriftungen von rechts nach links. Meist ist das einfach Buchstabensalat, aber manches klingt glaubhaft, wenn auch etwas ausländisch, etwa die Tramstationen Sulk, Ettalp oder Fohremör. Der Name des Künstlers Ólafur Elíasson hört sich für mich auch irgendwie verkehrt an. Aber er passt zu einem, der Dinge verdreht und Wasser aus heiterem Himmel stürzen oder ins Museum fluten lässt. Somit wäre der Name Rufaló Nossaíle für ihn wohl nicht stimmiger. Ganz selten ergeben die rechtsgelesenen Wörter einen echten Sinn: Das sind dann meine kleinen Highlights, etwa wenn ein Deo oed wird oder ein Laden namens Relief plötzlich Pfeiler heißt.

Zwanzig Jahre Krieg in Afghanistan und im Irak sind beendet.  7000 amerikanische Soldaten sind gefallen. Und 30‘000 US-Armeeangehörige oder -Veteranen starben durch Suizid. Das  heißt: Auf einen im Krieg gefallenen Soldaten kommen vier, die sich selber töteten. Der Krieg hört nicht auf, wenn er beendet ist. Wer heimkommt, muss weiterkämpfen, gegen Traumatas, gegen Schmerzen und um einen neuen Platz im Leben. Und manchen plagt sogar die Schuld, überlebt zu haben. Der Liedtext »Ich hatt einen Kameraden« stammt übrigens von Ludwig Uhland, 1809.

Ich sitze im ersten Stock am offenen Fenster und tippe diesen Text. Unten, im Freien, dicht an der Hauswand, stehen lautlos meine beiden Pflegekinder, ich weiß es, obwohl sie nicht reagieren, wenn ich sie rufe. Keine Ahnung, was in ihnen vorgeht. Vielleicht möchten sie abhauen, aber das können sie zum Glück nicht. Ich würde das bedauern, denn ich mag die beiden, ich kann sie richtig gut riechen. Ihr Geruch steigt zu mir hoch, kommt durchs offene Fenster und verdreht mir angenehm ein bisschen den Kopf. Schade, dass ich sie zurückgeben muss, die beiden Hanfpflanzen.

Sehr geehrte Klimawandelleugnende, hiermit schlage ich es Ihnen links und rechts um die Ohren: Die Waldmaus und die Amerikanische  Maskenspitzmaus haben in den vergangenen Jahrzehnten  längere Schwänze bekommen! Lachen Sie nicht! Und australische Papageien haben längere Schnäbel. Das hat ein Forschungsteam der australischen Deakin Universität herausgefunden und nennt als möglichen Grund die allgemeine Erwärmung.  Mit längeren Schwänzen oder Schnäbeln, also mehr Körperoberfläche, lässt sich in warmen Zonen die Temperatur des Organismus leichter regeln: Wenn das Blut die Wärme nach außen transportiert, kann es dafür eine  große Fläche nutzen. Klassisches Beispiel für diesen Vorgang waren bislang die großen Wüstenfuchs- und die kleinen Polarfuchs-Ohren. Nachdem ich Ihnen, sehr geehrte Klimawandelleugnende, diese Forschungsergebnisse um die Ohren geschlagen habe, sind die selbigen sicher gut durchblutet. Passen Sie bloß auf, dass sie nicht wachsen.

Sattestes, tiefstes Grün heute Abend um neunzehn Uhr am Zugersee. Die Wiesen liegen wie Samt an den Ufern, wie Tücher aus Moos, der Eurocity schneidet sie entzwei und lässt sie hinter sich fallen, die Nacht wird was daraus nähen. Der See ist petrolgrün, makellos bis auf ein einziges Boot weit weg, einen einzigen Pickel in der Wasserhaut. Die Rigi ist ein dunkles Langtier, und der Himmel wird gerade angestochen von einem spitzen Kirchturm in der Ferne und wird die Luft verlieren und zu Boden sinken. Gute Nacht.

Weil wir was zu feiern hatten, bestellten wir im schönen Lokal am Meer die »Sorprese del Cuoco«, und die Kellnerin brachte uns fünfmal einen Teller mit kleinen Überraschungen und erklärte in schnellstem Italienisch, was es war. Das meiste hätten unsere Zungen auch ohne Erklärung erkannt, aber bei einem länglichen Stückchen aus rosafarbener, breiweicher, fader Paste waren wir ratlos. Wir aßen es und fragten nach. Faggra sei das gewesen, sagte die Kellnerin, ja Faggra, und endlich begriffen wir, dass sie Foie Gras meinte, Gänseleber, die wir aus Prinzip nicht essen. Nun, wir konnten sie nicht wieder ausspucken. Kalenderspruch: Selber schuld, wer einfach schluckt, was man ihm vorsetzt.

Zwei hohe Räume mit barocker Girlandenmalerei an der Decke, die Wände rundum bis ganz oben mit Schuhschachteln vollgestellt, leicht unordentlich und muffig das alles, in schöner Stille. Und da ist auch Herr Jesus, gerahmt, stark verblasst, und zeigt auf sein entblößtes Herz. Unter dem Bild sitzt der Schuhhändler und liest in einem Rätselheft, und wenn du Glück hast, legt er das Heft beiseite und klettert die elfsprossige Leiter hoch, um nachzusehen, ob das, was du suchst, vielleicht vorhanden ist, nämlich Flipflops in Schwarz und Größe 43. Das einfach also Info – solltest du mal in Sestri Levante sein.

Schräg von hinten sah ich den grauhaarigen verschwitzen Kopf eines Mannes, der in einem Liegestuhl lag wie ich und aufs ligurische Meer schaute wie ich. Der Mann hatte seine große Hand um den Kopf gelegt, um ihn zu stützen, und plötzlich kam es mir vor, als ziehe die Hand den Kopf heraus, heraus dem Stuhl, heraus aus dem Leib der Mutter, heraus in die Welt. Da ist er, hatte vielleicht damals bei der Geburt jemand gerufen, pressen, pressen! Und die Hand zog den kleinen Jungen heraus, ein dramatischer Moment, und so etwa sechzig Jahre später lag der Herausgezogene nun vor mir in einem Liegestuhl, und ich wusste von ihm nichts, außer dass er aufs Meer schaute.

»Hänzi echli Münz«, fragt der Mann. Haben Sie ein bisschen Kleingeld? Ja, hab ich, ich klaube es aus der Jackentasche, vier Franken sind es. Sommerabend, belebte Beiz, man sitzt unter Platanen. Der Mann umkreist alle Tische. und ich nippe an meinem Campari und schaue ihm zu. »Hänzi …?« Schultern drehen ab, Köpfe werden geschüttelt, Mienen versteifen sich. Stör mich nicht beim Schönhaben, sagt der eine oder andere Gesichtsausdruck, fahr bloß ab. Das tut er tatsächlich, der Mann, er fährt, und zwar im Rollstuhl. Seine beiden Beine hören bei den Knien auf.

Das Kind Mtoto ist tot. Erst jetzt stand es in der Zeitung. Es heißt, es sei nicht ganz drei Jahre alt geworden. Man hat es eingehüllt und den kleinen Kopf auf eine Art Kissen gebettet. Das ist 78‘000 Jahre her! Nun sind seine Knochen entdeckt worden, in einer Höhle nahe der kenianischen Küste. Aus der Stellung des Schädels schließt man, das ihm etwas unterlegt worden war, wohl etwas Weiches. Und die eng an den Körper gezogenen Knie lassen vermuten, dass man das Skelett fest mit etwas umwickelt hatte. Mtoto war nicht einfach verscharrt worden, Für Mtoto gab es ein Begräbnis, und es gab Menschen, die trauerten, wahrscheinlich weinten. Seinen Namen hat Mtoto von den Leuten, die seine Knochen gefunden haben, das ist Suaheli und bedeutet »Kind«.

Es ist heiß im Bus, eine Frau steigt ein, hält ein Baby im Arm, schiebt mit der freien Hand einen Rollstuhl. Der Junge im Rollstuhl hat Schläfenlocken, schaut munter, der Kopf des Babys hängt unnatürlich schief. Es sieht mich unfroh an. Die Frau trägt Perücke und blickdichte hautfarbene Strümpfe. Sie ist bleich. Sie tut mir leid. So viel zu tragen. Mein Mitleid, ich weiß, ist wohl eine Anmaßung, die Frau will es nicht. Gut möglich, dass sie Mitleid hat mit mir, der Alten, die ihre Haare und ihre nackten Fußknöchel zur Schau stellt, die kein Baby dabei hat, dem sie das weiche Gesicht streicheln kann, und keinen sichtbaren Glauben mit sich führt, der sich aufspannen lässt gegen die Sünde. Und doch, es ist heiß, und das Mitleid macht mich wütend, wohin soll ich damit. Beim Bahnhof sitzt ein junger Mann auf einer Bank, vornübergeneigt, Gesicht unter langem Haar verborgen, die Unterarme mit weißer Gaze verbunden, da, wo man die Adern aufschneidet, wenn man nicht mehr leben will.

Mein Jugendbuch »Tita und Leo«, erschienen1999, ist mittlerweile Unterrichtslektüre geworden, und so bekomme ich ab und zu Post von Schulklassen. Die Autorin lebt ja noch, denkt sich die rührige Lehrperson, also kann man der schreiben. Mal wirken die Briefe leicht vorgekaut oder eher lustlos, mal korrigiert und nochmals schöngeschrieben, mal herzlich und spontan. Natürlich freut mich jedes Lob, aber am meisten freut es mich, wenn es so fröhlich auf Schreibfehlern dahersegelt: »Wir haben Ihr Buch gelesen. Ich fand es sehr schön. Nur an manchen Stellen hat es mich verwiehrt.« Liebe Klara, ich danke dir.

Es ist ein enges Sitzen vor dem Café am Bellevue, am Tischchen links zwei Männer, am Tischchen rechts zwei Männer, ich in der Mitte mit weit ausgestellten Ohren. Dem einen Mann links läuft die Frau davon, dem einen Mann rechts wird die Wohnung gekündigt. Tragisch beides – auf welche Seite soll ich jetzt lauschen? Der mit der Frau sagt, sie liebe ihren Hund mehr als ihn. Der mit der Wohnung sagt, er haue vielleicht ab nach Thailand. Der mit der Frau sagt auf den Ratschlag seines Kollegen: Das weiß ich alles auch. Der mit der Wohnung sagt auf den Ratschlag seines Kollegen: Hör auf mit dem Kapitalistenscheiß. Fast gleichzeitig stehen alle vier auf. Sie gehen in verschiedene Richtungen. Ich ziehe die Ohren ein.

Ich wandere den Wald hoch und über den Hügel in die Stadt. Ich sehe ein halbes Reh zwischen den Bäumen verschwinden, ich nehme mal an, es ist ein Reh und nicht ein Zwerg mit rehfarbener Jacke. Ich sehe einen ganzen Hain voller Baldrian in Blüte, ich nehme mal an, es ist Baldrian und nicht Bärenklau. Ich sehe ein Weizenfeld mit Krähen wie von van Gogh, ich nehme mal an, es ist Weizen und nicht Roggen. Ich sehe eine Sitzbank mit Blick auf ein paar Büsche und einen gigantischen Strom-Mast, ich nehme mal an, diese Aussicht habe den Zürcher Sitzbankverantwortlichen gefallen. Da ich nur wenig weiß, bin ich darauf angewiesen, mit sehr vielen Annahmen leben. Ich nehme mal an, dass ich das anzunehmen habe.

Regen, Regen, seit Tagen Regen. Ertränkt die Wiese, ersäuft die Setzlinge, entblättert die Rosen. Nachts rauscht er vor dem Fenster, laut wie ein Sturm und stetig wie ein Strom, zum Glück höre ich das Heer der Schnecken nicht kauen, trotzdem ziehe ich die Bettdecke über den Kopf. Das Rauschen schwappt über mein Bett, und ich stelle mir vor, wie es mich wegschwemmt, hinaus ins Nasse, ins Dunkle, ins Laute, ich strecke die Arme aus, hallo, ich bin die Regenbraut, und löse mich staunend auf in hunderttausend Tropfen.

Man sieht sie erst, wem man hinter unseren alten Holunderbaum geht und in die Höhe blickt: die schneeweißen Blüten der Waldrebe, flach und groß wie Untertassen, sechzehn Zentimeter Durchmesser. Zwanzig Stück habe ich gezählt! Jedes Jahr klettert die Waldrebe mit dem vornehmen Namen Madame Le Coultre den Holunder hoch, immer ganz heimlich an der Rückseite, und blüht im Juni hinreißend schön. Wer nichts von ihr weiß, bekommt sie nicht zu Gesicht. Man müsste des Öfteren mal die Rückseiten der Wesen und Dinge erkunden.

»Den Holzpyjama anziehen« ist eine wienerische Redewendung für »Sterben«. Ist ja lustig, aber unbequem. Ich möchte mir das Ding nicht überstreifen, so was Hartes auf meine alten Knochen. Wenn schon, dann schlage ich vor: »Den Wolkenpyjama anziehen.« Ich will auch nicht hops gehen, das klingt so nach Hundetraining, will auch nicht den Weg allen Fleisches gehen, ich mag es lieber vegetarisch. Will auch nicht ins Gras beißen, so es nicht Hasch ist. Ja, was möchte ich dann? Ich glaube, ich möchte mich einfach davonmachen.

Weil die beiden Katzen uns ihre Beute zeigen wollen, bringen sie sie ins Haus. Weil ihnen die Mäuse  wieder entwischen, haben wir diese unterm Sofa. Weil dann nachts im Wohnzimmer gejagt wird, finden wir morgens blutige Überreste. Weil wir das leid sind, haben wir Käse-Mausefallen aufgestellt. Weil wir die Mäuse loswerden müssen, tragen wir die Fallen in den Wald. Weil wir so oft in den Wald laufen, haben wir zu zählen angefangen. Weil die Liste jetzt bereits bei neunzehn Mäusen ist, habe ich beschlossen, das hier zu erzählen. »Weil« ist eine Konjunktion und leitet einen Nebensatz ein, und Nebensätze passen schön zu einer nebensächlichen Geschichte.

Im Naturmuseum in Winterthur, Abteilung Völkerkunde, stehen etwas versteckt in einer Vitrine zwei helle leichte Dingerchen, wirken wie die abgestreifte Haut von zwei längst entwischten Lebewesen. Es sind Lederschühlein für sogenannte Lotosfüße. In früheren Jahrhunderten wurden in China den vornehmen kleinen Mädchen nach und nach die kleineren Zehen gebrochen und mit engen Bandagen unter die Fußsohlen gebogen, ein schmerzhafter Prozess über Jahre. Zehn Zentimeter lange »Lotosfüße« waren das Schönheitsideal und den Damen vorbehalten, die nur wenige Schritte am Tag zurücklegen mussten. Auf einer Zeitreise würde ich mich gerne mit der Besitzerin der Lederschühlein unterhalten. Ich hätte dann eine Simultanübersetzungs-App dabei.

Einmal mehr lese ich »Arbeit und Struktur« von Wolfgang Herrndorf. Das ist ein ungeheuer reiches autobiografisches Buch über die Jahre 2010 bis 2013. Über das Leben, den Tod, das Schreiben. Für mich, als sich im Schreiben Versuchende, so mutmachend wie illusionsraubend, sozusagen ein außergewöhnliches Arbeitsmanual. Herrndorf erhielt im März 2010 die Diagnose Hirntumor und erschoss sich im August 2013. Sein großer Erfolg, der Jugendroman »Tschick«, erschien im September 2010. Ich erinnere mich an meinen Berlinaufenthalt mit O. im März 2011, realisiere, dass wir jeweils in der gleichen Kneipe saßen wie Herrndorf, im »Deichgraf«, in Berlin Wedding. Damals wusste ich noch nichts von Herrndorf. Ich erinnere mich, dass uns der Taxifahrer sagte, »in Japan ist passiert etwas.« Das Passierte war Fukushima, am 11. März 2011. Bei Herrndorf heißt es am 20. März 2011: »Interessante Zeiten, wo eine drohende Kernschmelze in gleich mehreren Atomreaktoren nur noch auf Platz 3 der Nachrichten steht.«

Im Tessiner Dorf Sessa, wo ich seit einem halben Jahr nicht mehr war, gibt es neuerdings eine kleine Bäckerei. Es duftet durch die offene Tür hinaus auf die Straße, nach frischem Brot und Kleingebäck und allerlei süßen Herrlichkeiten. Eilig folge ich meiner Nase in den dunklen Ladenraum, niemand da. »Che buon odore!«, rufe ich, da taucht der Bäckersmann auf, ein freundlicher Mensch, und schüttelt bedauernd den Kopf. Leider, sagt er, rieche er nicht mehr, was er backe. Vorbei der Duft. Vorbei die Jahre.

Im 19. Jahrhundert, so heißt es, gab es einen Mumienboom. Wohlhabende Reisende kauften sich in Ägypten eine Mumie und brachten sie als Wundertüte nach Hause. Dann wurden Gäste geladen, und als Attraktion des Abends wurde die Mumie Stück um Stück ausgewickelt. Wer und was kam zum Vorschein –  eine Junge, ein Alter, Amulette, Papyrusrollen?  So etwas Pietätloses geht heute nicht mehr, und wenn doch, würde man wohl ein Handy unter die brauen Leinenbinden stecken, um irgendwann heimlich ein Seufzen anzuklicken oder einen grauenerregenden  Urschrei, worauf die illustren Gäste entsetzt das Weite suchen, und der Vorfall umgehend auf Instagram gepostet werden kann.

Auf meinem Handy habe ich eine zauberhafte App namens PictureThis. Ich kann damit in Feld und Wald irgendeine Pflanze – Blüte, Blatt oder Rinde – fotografieren, und die App verrät mir umgehend deren Namen, wissenschaftliche Klassifikation sowie Merkmale und Ansprüche. Da heißt es dann etwa »Indigolupine«, »Schlitzblattkarde« oder »Kriechende Hornnarbe«. Nun hat O gestern mit PictureThis meinen Haarschopf fotografiert und heraus kam »Greisenhaupt«. Wie unheimlich wahr! Greisenhaupt ist eine Unterart von Cephalocereus, also ein Kaktus, ist trockentolerant, und wer mich anfasst, sollte Handschuhe tragen.

Morgens um zehn vor sieben im Wald zeigte er sich endlich einmal. Sonst hört man ihn nur, sein eindringliches hohes Zwitschern. Er kommt auf bis zu 90 Dezibel und gilt als Vogel mit der lautesten Stimme im Verhältnis zur Körpergröße: der Zaunkönig. »Dort sitzt er«, flüsterte O. und zeigte auf ein winziges braunes Ding auf einem kahlen Baum, das seine Mitteilungen in alle Welt schmetterte. Wir hörten zu und rührten uns nicht. Der kleine König sang auch weiter, als eine Riesenflugmaschine über die Baumwipfel zum Flughafen donnerte. Vielleicht war es der Airbus A350 aus Singapur: Gewicht 268 Tonnen oder 268 000 000 Gramm. Der 10grämmige Sänger ließ sich davon nicht beeindrucken.

Es gibt kaum etwas, das sich nicht googeln lässt. Bei meiner Anfrage »Zusammengebundene Schuhpaare über Drähten« erhalte ich präzise Antworten, warum, wo, seit wann Menschen ihre Schuhe zusammenbinden und auf Bäume, Ampeln, Telefonleitungen werfen. Bei Wikipedia erfahre ich, dass das Phänomen einen Namen hat, nämlich »Shoefiti«, was ein Zusammenzug von Shoe und Graffiti ist. Wie war das eigentlich früher, als man auf dumme oder gescheite Fragen nicht subito eine Antwort fand? War es schöner, weil das Antworten ja eigentlich das Killen einer Frage ist? Muss ich googeln.

Am Waldrand blüht der Kirschbaum. Ja, und? Ist doch so üblich zu dieser Jahreszeit. Aber der Baum steht nicht, er liegt. Die Last des großen Schnees im Januar hat ihn zu Boden gedrückt und der Förster hat ihn noch ganz umgelegt. Und nun, drei Monate später, blüht er. Er blüht noch hastig, bevor er stirbt. Von weitem sieht es aus, als wär er wieder voll Schnee. Von nahem sieht man tausend kleine schneeweiße Blumensträuße, und in jeder einzelnen Blüte wär alles bereit für später: Staubgefäße, Stempel … keine Verwendung mehr, Schluss.

Heute lese ich in der Zeitung, dass in Japan mehr Windeln für Erwachsene als für Babys verkauft werden. Das Land ist überaltert und hat darum die Beschränkung der Einwanderung gelockert: 400ʼ000 Menschen wandern nun jährlich ein, hauptsächlich aus China. Dank einer verjüngten Bevölkerung kann Japan seine Alten weiterhin mit Pampers versorgen. Der Windelname Pampers kommt übrigens von »to pamper« = verwöhnen. So verwöhnt zu werden, ist für Alte indes kaum vergnüglich. Zwar steht in der Bibel: Werdet wie die Kinder. Aber Inkontinenz und Zahnlosigkeit ist damit wohl nicht gemeint.

Ein wunderschöner Name: Schilfglasflügelzikade! Die zierliche Zikade – etwa 7 Millimeter lang und umhüllt von zartesten durchsichtigen Flügeln – lebt gerne auf Schilf. Aber heutzutage kommt sie vor allem auf Zuckerrübenfeldern vor. Die Schilfglasflügelzikade liebt den Zuckerrübenpflanzensaft. Ein märchenhafter Satz. Leider überträgt sie beim Saugen zwei Bakterien, welche bewirken, dass die Rüben weniger groß werden und ihr Zuckergehalt deutlich sinkt. Die Zuckerrübenbauern machen Verluste und sind entsprechend sauer auf die Verursacherin. Fazit: Auch der schönste Name garantiert nicht für Sympathie.

»Geht es Ihnen wieder gut?«, fragt der Arzt. »Ja«, sage ich, und da fällt mir ein, dass ich es ihm wohl beweisen muss. Also nehme ich die Corona-Schutzmaske vom Gesicht und lächle. Ich lächle so ihn innig an, als sei er das Wunderbarste auf der Welt. Lächeln konnte ich nämlich drei Wochen lang nur noch links, weil die rechte Gesichtshälfte gelähmt war. Aber inzwischen habe ich das abgehauene halbe Lächeln wieder eingefangen, und es ist bei mir geblieben. Der Arzt lächelt zurück, er will noch einen zweiten Beweis meiner Genesung: »Und jetzt pfeifen Sie mal.« Sorgfältig netze und runde und spitze ich die Lippen, und heraus kommt ein langer langer Pfiff. Der Pfiff eines Schwarzspechts!

In der Zeitung steht, dass bei einer Versteigerung ein Bild des englischen Künstlers Banksy eine Rekordsumme eingebracht hat. Zitat: »Die Bieter stritten heftig, am Ende war der Verkaufspreis höher als das Sechsfache des Schwätzwerts.« Wie schön – der Schwätzwert! Den gibt es wirklich, vor allem im Kulturbereich, wo manche Kritiker das Schwätzen eitel pflegen und mit ihren Schwätzwerten die Definition von Qualität munter der Willkür überlassen. Wie auch immer: Manchmal liest man Schreifehler, über die man sich freut!

Das schrieb der Drittklässler Josef Meier im Jahr 1959: »Am Donnerstag, den 22. Oktober, habe ich einen sehr traurigen Tag gehabt. Der Vater musste die schönste und beste Kuh schlachten lassen. Sie war plötzlich krank geworden. Wenn ich ihr etwas gesagt habe, hat sie mit dem Kopf genickt, dass sie es verstanden hat. Und sie hat viel Milch gegeben.« Der Drittklässler Josef Fellmann schrieb: »Die Schwester Berta ist gestorben. Drei Wochen alt ist es gewesen. Wir haben den Doktor gehabt. Es hat Schmerzen gehabt und Fieber und rote Hübel. Es hat den Rotlauf gehabt. Es ist am Sonntag gestorben.« Das schrieben die beiden Josef zum Aufsatzthema »Ein trauriges Erlebnis«. Ich war ihre Lehrerin, neunzehn Jahre alt, und absolvierte ein Praktikum in einem kleinen Dorf. Ich habe ihre Aufsätze aufbewahrt und finde sie, Jahrzehnte später, immer noch beeindruckend. So eindringlich müsste Literatur sein.

»Niemand darf ungerechtfertigt einem Menschen Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen, ihn in Angst versetzen oder in anderer Weise seine Würde missachten. Das Misshandeln, Vernachlässigen oder unnötige Überanstrengen von Menschen ist verboten.« Dieses Zitat habe ich verfälscht. Im Original steht nicht »Mensch«, sondern »Tier«. Es handelt sich um Artikel 4/Absatz 2 im Schweizerischen Tierschutzgesetz. Aber was er fordert, passt sehr gut auch auf das Säugetier Mensch, zum Beispiel auf Menschenkinder. Nur schade, dass der Ausdruck »ungerechtfertigt« der gut gemeinten Forderung ihren Wert nimmt. Denn Rechtfertigungen werden leider dauernd neu erfunden. 

Irgendwann kommt die Erkenntnis, dass mein wichtiges Leben nichts ist. Dass das, was ich erkämpft, erdacht, erfühlt habe, schwindet wie der Hauch auf einer Fensterscheibe. Dass mein Dasein, dass mich seit Jahren mit Eifer und  Freude und Lust und Angst erfüllt, nicht mehr ist als irgend eine Welle im Weltmeer, die kommt und bricht und kommt und  bricht. Dass ich meine, etwas loslassen zu müssen, obwohl ich es nie gehalten habe. Irgendwann kommt die Erkenntnis, und ich werde sie höflich begrüßen.

Unsere Wiese sieht aus wie die Titelseite eines Blumenversandkatalogs, grelle Farben, nämlich schrillviolett, quietschgelb, knallorange und  scharflila. Krokusse sind es, und ich müsste verzaubert sein, weil es so viele sind, sie haben sich wieder und wieder vermehrt und schreien jetzt miteinander aus dem Grasgrün heraus. Jeweils im Spätherbst vergangener Jahre  habe ich mit klammen Händen Löcher in die lehmige Erde gebohrt und die Zwiebelchen darin versenkt.  Na, dann blüht dann mal schön, habe ich gedacht. Jetzt tun sie’s. Au weia. Ach je.

»Aus guten Gedichten kann man heraushören, wie die Schädelnähte gesteppt werden«, hat der russische Dichter Osip Mandelstam geschrieben. Das hat mir immer gefallen, obwohl ich es gar nicht verstehe. Ach, und jetzt habe ich gelesen, dass die sowjetischen Literaturgeneräle blind waren für Mandelstams feine lyrische Bilder. Als er beim Schriftstellerverband eine Eingabe für eine Hose und einen Pullover machte, sprach sich Maxim Gorki dagegen aus: »Braucht er nicht.« Er hätte so dringend so manches  gebraucht, um Schädelnähte zu steppen. Aber man ihm nichts gegeben, nur genommen, unter anderem seine Freiheit. 1938 ist er halbverhungert und herzkrank und von Halluzinationen gepeinigt in der Krankenbaracke eines Straflagers gestorben.

Als ich mit der Ambulanz und Blaulicht ins Spital fuhr, dachte ich: Und wennʼs das jetzt gewesen wär? Wenn da jetzt der Sensenmann hinter der Trage stünde? Oder die Sensenfrau? Immer schön gendersprachkonform, bitte sehr. Jetzt, wo im Duden demnächst der Mieter sowie die Mieterin vorkommen werden, muss doch auch Platz sein für eine Sensenfrau. Andernorts – la morte – ist der Tod auch weiblich. Allerdings passt Sense als Schneideinstrument nicht so richtig zu Frau, kulturhistorisch gesehen, ein Kartoffelschäler wäre vielleicht passender …. So flogen die Gedanken im Blaulicht. Und nein: es warʼs nicht gewesen.

Ein junges Wollnashorn ist ertrunken. Hat nicht gut aufgepasst. Drei bis vier Jahre alt war es. Danach lag es mindestens 20ʼ000 Jahre im gefrorenen Boden Sibiriens. Jetzt, im Klimawandel, hat der Permafrost es freigeben, nun ist es wieder am Tageslicht, zur Freude der Paläontologen. Das Horn ist ab, aber auch das hat man gefunden. Ein Foto zeigt das junge uralte Leichlein auf einer hellblauen Plastik-Plache, es liegt auf der Seite, das Vorderbein angewinkelt, und der lange Schädel mutet an, als sei darin vor kurzem noch etwas vorgegangen. So etwas Rätselhaftes wie Leben. Kleines Wollnashorn, hättest dreieinhalb Meter lang werden können! Plus fünfzig Zentimeter Schwanz!

Gestern haben wir ein Paket mit Schokolade erhalten. Es ist das Paket, das wir im letzten August in die USA geschickt haben, an Lilli, zum Neunzigsten. Es flog über den Atlantik und über den amerikanischen Kontinent bis in den Nordwesten. Dort blieb es irgendwo stecken und liegen. Lilli wurde neunzig, der Herbst kam, Lilli starb, der Winter kam, Mister Trump verlor, Mister Biden kam. A gust of wind or a postal clerk kickte das Paket mit der Schokolade wieder in Umlauf, und es reiste zurück um die halbe Welt bis vor unsere Haustür. Die Schokolade hat nicht gelitten. Aber sie schmeckt ein bisschen bitter, weil wir Lilli die kleine Geschichte nicht mehr erzählen können.

Beim Räumen alter Papiere habe ich allerlei gefunden, was die kleine Angelika mal geschrieben und meine Mutter aufbewahrt hat. Da steht auf einem präzise illustrierten Einkaufszettel: »Einkaufen! 1 Schöner Salat. 1 Pfund Schöne Tohmaten. 1 Kilo Italiener Reis. 2 Kämme. 2 Tauben Zampasta.« Ich habe dann gelernt, dass Tauben in Deutschland Vögel sind. Und dass Finken dort Pantoffeln heißen. Inzwischen weiß ich auch, dass ein Passevite eine Flotte Lotte und ein Pedalo ein Tretboot ist. Aber so richtig werde ich es wohl nie lernen, das perfekte Hochdeutsch. Macht nichts – ich mag es meiner Lektorin gönnen, wenn sie sich krummlachen kann. Schade nur, dass ich so manchen treffenden Ausdruck nicht verwenden darf, etwa: es harzt, es lupft mich, die Agglo oder die Fingerbeere.

Auf dem Riemer Friedhof in München gibt es ein Gräberfeld nur für Frauen. In Berlin gibt es einen Lesben-Friedhof mit achtzig Grabstätten. Im »Garten der Frauen« auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg werden ausschließlich Frauen beigesetzt. In der Schweiz ist das vielleicht auch mal möglich. Ich will aber bitte nicht in einen Frauenfriedhof, wenn meine Zeit gekommen ist. Es ist nämlich so, dass mein Vater ein Mann war. Und mein Mann ist auch ein Mann. Und mein Sohn ist auch ein Mann. Und die Enkel sind männlich. Und ich mag Männer gerne, so wie ich Frauen gerne mag. Und die Vorstellung, als Tote garantiert männerfreie Erde zu beanspruchen, ist mir nicht angenehm. Das einfach mal so dahergesagt …

Heute ist Berchtoldstag. Der heißt in Zürich Bechtelistag und ist ein Feiertag und niemand weiß recht, warum. Einen heiligen Berchtold hat es nie gegeben. Zur Erklärung gäbe es allenfalls das mittelhochdeutsche Wort »berchttac«, was leuchtend bedeutet und zum Stern von Bethlehem passt. Immer am Bechtelistag, so hat mir meine Mutter erzählt, lud der Herr Lehrer des Dorfes den Herrn Posthalter des Dorfes, der mein Grossvater war, zu einem festlichen Trunk. Das war eine Ehre. Das Kind Lydia – meine Mutter – und ihr kleiner Bruder mussten mit und sich schön artig benehmen. Einmal wurde ihr vom Artigsein so schlecht, dass sie ihr Glas heimlich in den Topf der Zimmerlinde leerte. Dafür hat ihr Bruder sie noch lange bewundert. Eine Artige wurde Lydia nie.

 

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