Heute vor drei Jahren hat sich B. das Leben genommen, er mochte nicht mehr. 85 war er und fand, es sei genug. Im Jahr darauf, 2017, trat Trump als US-Präsident an, es gab weltweit sechzehn Terroranschläge, und der Klatschmohn war die Blume des Jahres. Dann kam 2018 mit 2275 toten Flüchtlingen im Mittelmeer und dem Star als Vogel des Jahres. Dann kam 2019 mit dem heißesten Juni seit Beginn der Wetteraufzeichnungen und dem Knollenblätterling als Pilz des Jahres. Alles rollt schlecht und recht weiter wie gehabt. Du hast nichts verpasst, lieber B. Doch, hast du: Zum Beispiel das Erwachsenwerden deiner Enkelkinder und ihr weiterhin schönes Lachen, dreimal blühende Sommerwiesen, viele viele Sternennächte und manches herzliche Wort, von denen, die dich gerne hatten.

»Lustig ist das Zigeunerleben, faria faria ho«, das haben wir in der Schule gesungen. Ich weiß nicht, ob man das heute noch darf. Oder ob man politisch korrekt von Sinti oder Roma singt und die fehlende Silbe dann irgendwie reinschmuggelt– »lustig ist das Si-hintileben«. Ich mochte das Lied nie so richtig. »Hirschlein, nimm dich wohl in Acht, wenn des Zigeuners Büchse kracht«, das machte mich so unfroh wie ratlos. Fräulein Hugenschmidt, warum haben Sie nie erklärt, dass mit Büchse ein Gewehr gemeint ist und nicht eine Dose? Dass nicht – faria, faria – Linsen, Bohnen oder Sardinen durch die Luft fliegen, wenn des Si-hintis Büchse kracht?

Ein Freund aus alten Zeiten wurde heute zu Grabe getragen, herausgerissen aus Arbeit und Familie, erst achtundfünfzig. Fühle mich nicht so wohl, lege mich etwas hin, hatte er gesagt, und seine Frau dachte, ach, jetzt hat ihn die Grippe auch erwischt. Ruh dich aus, oder so etwas, wird sie zu ihm gesagt haben, als sie das Haus verließ. Abends fand man ihn leblos, Herzversagen, Ruhe für immer. Wenn sich der Tod auf so leisen Füssen nähert, hört man ihn dann gar nicht kommen? Spürt und akzeptiert man eine zunehmende Kühle wie etwa beim Hinauffahren Richtung Passhöhe? Fragt nicht so viel, lebt, würde der Freund vielleicht antworten, wenn er noch antworten könnte. Und zu seinem schönen Lachen ansetzen.

Der Forstarbeiter hielt von weitem die Hand hoch – stop, nicht weitergehen! Eine schwere Maschine stand auf dem Waldweg und ein Stahlseil war gespannt. Da wurde einer umgelegt, umgebracht, ein Baum. Sein Fuß war wohl schon angesägt, jetzt sollte er fallen. Wir warteten, wir lauschten. Noch war er am Leben, der Baum. Dann hörten wir Schläge, die Maschine fing an zu dröhnen, das Stahlseil begann zu ziehen, mit einem gewaltiges Ächzen und Knacken neigte sich langsam ein Stamm, eine Riese. Das Stahlseil zog, der Riese fiel, federnd donnerte er zwischen seinen Mitbäumen zu Boden. Eine Buche, wohl etwa achzig Jahre alt, wir stiegen über sie hinweg. Das warʼs, Baum, das warʼs.

Ich war in München und habe mich dort in einem Kaufhaus umgesehen. Bei den Damen gibt es eine Abteilung »Dirndl«, und da sind vier Dirndl-Mode-Firmen aufgelistet. Eine Firma heißt »Gottseidank«, und das machte mich etwas stutzig. Wer dankt denn hier Gott und wofür? Dankt die Firma für den Umsatz? Dankt die Kundin für das Dirndl? Dankt das Dirndl für sein Hirndl? Auf der Website der Firma finde ich keine Auskunft über den Namen, jedoch den Leitsatz der Firmenphilosophie: »Tracht ist stoffgewordene Hingabe und Emotion.« Gottseidank gibt es keine Niedertracht im Angebot.

Sehe heute zwei Händchen, von meinem Sitz aus im Bus. Sonst seh ich nichts von dem Kind, es liegt versteckt unterm Kinderwagendach und schläft wohl, denn die Händchen rühren sich nicht, sie liegen auf der blauen Decke wie zwei eben aufgetauchte helle Wassertierchen oder wie zwei Stückchen Butterteig. Ich erschrecke ein wenig, als mich die Vorstellung überfällt, was sie mit den Jahren alles tun können, tun müssen, tun wollen, diese Händchen – schmeicheln und streicheln oder schlagen und schießen, sch, sch, sch, schlaf noch ein bisschen, Kind

Da, wo ich wohne, wird zur  Zeit viel gebaut. Hier ein Kran, dort ein Kran, die neuen Gehäuse wachsen rasch, und ich kann zusehen. Kürzlich ist mir bei einer Baustelle ein passendes Wort auf den Kopf gefallen: Schnarchitektur. Architektur zum Schnarchen, langweilig, einfallslos, lieblos, gut für Rendite, schlecht für das Ortsbild. Nicht nur in der anonymen Vorstadt gibt es Schnarchitektur, auch an Zürichs prominenten Standorten sind mutlose Gähngebäude entstanden, etwa das neue Kunsthaus, die umgebaute Zentralbibliothek, die Europa-Allee. Journalisten müssen ihre Arbeiten unterzeichnen. Architekten sollten das eigentlich auch müssen. Eine  Tafel von der Größe einer Visitenkarte neben dem Eingang würde genügen. An einem Wohnblock in Albisrieden so gut wie an einer Nobelbaute in der City. Ich steh dazu, so bau ich …

Dass in Ländern, wo die Menschen ums tägliche Überleben kämpfen, die Suizidrate eher tief ist – und eher hoch in einer übersättigten Gesellschaft –, das stimmt nur zum Teil. Wer hätte gedacht, dass Lesotho, der kleine Bergstaat in Südafrika, in der Suizid-Liste von 194 Ländern auf Platz 10 steht? (Platz 18: Schweiz) Wer hätte gedacht, dass die lesothischen Schaf- und Ziegenhirten sich umbringen? Das Bild vom armen, aber zufriedenen Hirten, gut aufgehoben in seiner Großfamilie, das ist Kitsch. Richtig ist das Bild vom verzweifelten Hirten, der seine Familie hungern sieht. Weil er die Wolle nicht mehr auf dem freien Markt verkaufen kann, sondern nur noch über einen chinesischen Monopol-Händler, der schlecht oder gar nicht zahlt. Weil der Markt für Wolle und Mohair zusammengebrochen ist. Weil wir in den satten Ländern uns inzwischen lieber in kuschligem Fleece aus Plastik wärmen. Und der entlässt dann bei jedem Waschmaschinengang ein paar Plastikfasern, die als Mikromüll im Meer landen.

Tut das weh? Nein. Verstehen Sie deutsch? Und das? E rotto il dito? Gerlind, ruf doch bitte die Gynä an! Er sagt nichts. Sag ihr einfach, sie soll warten. Was nehmen Sie dagegen? Privat oder allgemein? Aplo.., Amlo.., etwas mit A. Das sieht nicht schön aus. Wo isch jetz dä mit em Loch im Chopf? Und sonst nichts? Doch, Antidepressiva. Zaubern können wir nicht. Amlodipin. Aha. Please lie down. Er sagt immer noch nichts. Das wird schon. Ja, ich komme. Zweimal Vomitus. Ich geh jetzt essen. (So klang das heute hinterm weißen Vorhang in der Notaufnahme.)

Wer deutsch spricht, weiß, was eine Tapete, Rakete, Muskete, Pastete ist. Aber was ist ein Mostete? So steht es auf einem Plakat in Zürich: Einladung zur Mostete! Eine kleine angenehme Häme kommt in mir auf. Ha, Hochdeutsche verstehen das nicht! Sonst sind sie ja stets schneller und gewandter als wir plumpen Schweizerdeutschen, aber die Mostete, die verpassen sie. Verpassen den herrlichen goldenen süßen Most, frisch ab Presse bei Bauer Meierhofer. Mostete wird auf der ersten Silbe betont und bezeichnet den Vorgang des Mostmachens. Die Endung -ete wird gerne verwendet, um einen Vorgang auszudrücken. Es gibt die Metzgete (von metzgen), die Züglete (von um/ziehen), die Lismete (von lismen=stricken), die Schleglete (von schlagen). Schweizerdeutsche Grammatik: Most delightful!

Unsere beiden Nachbarinnen M. und B. im Tessin sind im Streit. B. hat vor drei Jahren beschlossen, nie mehr mit M. zu reden, diese sei so schlecht, schlecht, schlecht – così cattiva, cattiva, cattiva – wie kein anderer Mensch. Drei Jahre lang lastete das schwere Schweigen über den Häusern. Eines Tages hängte B. einen Teppich über die trennende Mauer, hinter der M.s Auto geparkt war. M. warf den Teppich auf B.s Seite. Das war der Moment, als das Schweigen in tausend Stücke brach. M. solle ihren Teppich in Ruhe lassen, schrie B. Der Teppich verschmutze ihr Auto, schrie M. Und B. schrie zurück und schrie und schrie, sie hat es uns erzählt, die ganze dreijährige Wut musste raus. M. klagte bei der Polizei. Aus der Klage wurde nichts, da Zeugen fehlten. Jetzt liegt ein neues Schweigen auf den Häusern. So schwer wie das alte.

 

 

»Ist ja Wahnsinn«, sage laut ich beim Zeitungslesen zu niemandem, und da fällt mir die ältere, sehr bleiche Frau wieder ein, die neulich im großen Frühstücksraum des Hotels saß und pausenlos auf jemanden einredete. Ich war zu weit weg, um zu verstehen, was sie sagte. Sie schien sich zu empören, verwarf die Hände, zischte Wörter, wahrscheinlich böse, und artikulierte lange Sätze mit vorwurfsvoller Miene, nahm hastig einen Bissen vom Brötchen und fuhr gleich wieder fort mit ihrer erregten, punktlosen Rede. Es saß niemand mit ihr am Tisch außer die Unsichtbaren, zu denen sie sprach. Die Tische in ihrer Nähe blieben unbesetzt, die anderen Gäste saßen möglichst entfernt von so viel unheimlicher Abnormität. »Gesundes Frühstück«, das stand doch im Hotelprospekt.

Verschlafenes Dorf in Frankreich nah der Schweizergrenze, morgens um halb sechs, Blick aus dem Hotelfenster: geröteter Himmel, Stille über den Dächern, leere Straße, niemand unterwegs. Doch! Auf der kleinen Wiese neben dem Friedhof steht reglos ein Mensch, ein Mann, hält etwas in den Händen, ein Ding an einer Stange, das bewegt er nun sachte hin und her: einen Metalldetektor. Ich streife mir den Schlaf aus den Augen. Es kann doch auf der kleinen Hundekackwiese nichts Kostbares verborgen sein. Ab und zu schaut der Mann sich um, als ob er nicht gesehen werden möchte. Die Alte hinterm Vorhang am Hotelfenster nimmt er nicht wahr. Er sucht und sucht, die Alte schaut zu, die Kirchturmuhr zeigt schon auf Sechs. Vielleich gehörte die Wiese mal zum Friedhof, und irgend eine bronzene alte Grabbeigabe kommt demnächst zum Vorschein … Nein, der Mann packt seine Utensilien ein, und die Alte geht wieder zu Bett, derweil sich draußen wie eine Blume ein wunderbarer Sommertag öffnet.

Eigentlich mag ich es nicht, wenn Leute ihre Träume erzählen, doch heute erlaube ich mir, es auch zu tun. Denn erstens ist der Traum kurz und zweitens gleichzeitig so schön sinnig wie unsinnig: Ich habe allerlei Papiere vor mir, auf denen allerlei geschrieben steht, und ich zeige auf die unbeschriebenen Teile der Papiere und sage aufgeregt »Da, schaut, schaut! Hier und da und da und dort – weiße Flecken! Lest sie, schnell, bevor es jemand anderes tut!«

Irina, die mir die Haare schneidet, kommt aus Tschuwaschien. Hat sie mir heute gesagt. Ich habe bislang nicht gewusst, dass es Tschuwaschien gibt. Es klingt für mich wie der Ort einer erfundenen Geschichte: »Herzflattern in Tschuwaschien«. Oder: »Der tschuwaschische Zögling«. Sie fliegt nach Moskau, sagt Irina, und von da mit dem Zug dreizehn Stunden in die Tschuwaschische Hauptstadt Tscheboksary. Die Tschuwaschen sind ein Turkvolk, ihre Sprache ist mit Türkisch verwandt, aber kyrillisch geschrieben. Irina wird ihre Verwandten besuchen und ihnen ihre kleine Tochter vorführen. Sie freut sich nicht besonders. Wegen des vielen Redens schneidet sie mir die Haare zu kurz. Egal, dafür habe ich einmal mehr erfahren, wie wenig ich immer noch weiß. Und dass »ja« und »nein« auf tschuwaschisch »şapla« und »şuk« heißt.

Ich bin Nummer 2.295.527.250. Das heißt: Ich bin als der zweimillardenzweihundertfünfundneunzigmillionenfünfhundertsiebenundzwanzigtausendzweihundertfünfzigste Mensch auf diese Welt gekommen. Das sagt mir die Weltbevölkerungsuhr von DWS (Deutsche Stiftung Weltbevölkerung) auf www.dws.org, wenn ich mein Geburtsdatum eingebe. Sie zählt laufend, wie viele Individuen in dieser Sekunde zu den bestehenden 7.7 Milliarden dazukommen. Als Ausgangspunkt gilt die Schätzung, dass im Jahr Null 300 Millionen Menschen lebten. Ich weiß zwar nicht genau, wer ich bin und wie und warum und wozu und wie lange noch, aber wenigstens habe ich nun eine Nummer.

An der Schlussfeier betritt eine junge Maturandin die Bühne, sie singe ein Lied für ihre Mutter, sagt sie, der sie alles verdanke. Es ist ein englisches Lied, der Text ist nicht gut verständlich, und die Melodie geht ab und zu ziemlich daneben, trotzdem weine ich ein bisschen, weil es schön ist, wenn jemand für seine Mutter singt. Die sitzt irgendwo im Publikum und ist sicher tief berührt bis hingerissen. Nein, erfahre ich später, die Mutter ist tot, ist vor kurzem ganz unerwartet gestorben. Da war die Tochter mitten im Lernen für die Matura. Jetzt hat sie mutig ihren Dank gesungen. Für neunzehn Jahre Muttergehabthaben. Zum Glück habe ich geweint.  

Es ist unterhaltsam, in der Zeitschrift »Tierwelt« die Kleininserate zu lesen. Da wird ein Alphorn angeboten. Ein Wundermittel bei Potenzproblemen. Bestes Asphaltgranulat. Da wird eine vollb. Frau gesucht. Ein ehrlicher Mann. Ein ferngesteuerter Schlegelmulcher. Und dann noch das: »In meiner Wohnung befindet sich ein unsichtbares dämonhaftes Geistwesen, das mich heftig angreift. Ich suche Personen, die mir behilflich sind, damit es verschwindet.« Nun überlege ich mir die ganze Zeit, ob ich da vielleicht anrufen müsste. Und dann mit einem Pfefferspray, einem Rosenkranz, einer Liste wüster Flüche und ein zwei Ratten vorbeigehen soll. Oder mit einer Pfefferratte, einer Liste wüster Rosen und ein zwei Kranzflüchen.

Lonesome George, die »Pinta-Riesenschildkröte«, habe ich 2005 noch gesehen, in der Charles Darwin Forschungsstation auf Galapagos. Da war er, so schätzte man, 105 Jahre alt. Vergeblich versuchte man damals, ihn mit halbverwandten Pinta-Damen zu verkuppeln. Sieben Jahre später ist der Einsame gestorben, und mit ihm seine ganze Art. Jetzt steht er auf der Liste der Unwiederbringlichen des UN-Biodiversitätsrats. So wie der »St. Helena-Riesenohrwurm«, die »Navassa-Zwergboa« oder der »Blaue Glasaugenbarsch«. Auch von den Pflanzenwesen gibt es so eine Liste. So wurde das »Übersehene Filzkraut« zuletzt um 1939 nachgewiesen. Was für ein trauriger Name.

Heute sollte ich für drei Personen die Daumen halten. Ein Nachbar wird am Rücken operiert. Ein Enkel schreibt die Deutsch-Matura-Arbeit. Ein Passagier im Bus (belauschtes Handy-Gespräch) will am Abend einen Heiratsantrag machen und hat Angst, dass er nicht erhört wird. Für wen drück ich jetzt am meisten, am längsten, am heftigsten? Den Handy-Mann schieb ich mal beiseite, der kann sich selber die Daumen halten, und ich kenn ihn ja gar nicht. Bleibt der Nachbar, bleibt der Enkel. Für wen wird es schlimmer sein, wenn’s schief geht? Was für eine unangenehme Frage. Uff, Allmächtiger, wir entscheiden Sie jeweils, welche Gebete Sie erhören wollen?

Es war sechs Uhr morgens, der Wald war hell, die Gedanken liefen voraus und ich lief hinterher. Da rief der Vogel plötzlich so nah und so laut, dass ich stehen blieb. Er rief: »scientific-scientific«. Das pfiff ich zurück. Nun rief er: »qui es-tüü, qui es-tüü?« Auch das pfiff ich zurück. Dann rief er einen längeren Satz, den ich nicht verstand, er klang sehr dringlich. Als ich nichts zurückpfiff, rief er: »ʼs tut weeh, ʼs tut weeh!« Ich lief weiter, und er schickte mir noch einen wunderbar melodiösen Kleinjodel nach. Wer war der Vogel? Ich werde O. fragen, und er wird es wissen: die Singdrossel.

Um 17 Uhr wird der Tierarzt kommen. er bringt den Tod ins Haus. Die Katz soll sterben. Sie ist am Ende. Jetzt ist es 15 Uhr. Noch zwei Stunden, dann wird kein Atem mehr sein unter dem schwarzen Fell. Es ist seltsam, auf den Tod zu warten. Haben wir ihn zu früh gerufen? Gäbe es noch irgendeine Freude für die Katz? Noch irgend ein kurzes Wohlgefühl? Ach Katz, bist nur noch ein Häufchen Knochen, hast schon lange aufgehört zu essen, zu trinken, zu schnurren. Sie ist auf der Zielgeraden, sagt O. Vorhin hat sie ein klein bisschen Schinken gegessen, hat eine winzige Gier gespürt, als würde sie sich erinnern, wie es war, als sie noch essen mochte. Sie kauert den ganzen Tag am selben Platz und scheint aufs Nichts zu warten. Manchmal zwischen Schlaf und Schlaf grüßt sie mit einem kleinen Miau. Manchmal tut sie ein paar Schritte, ziellos, setzt sich wieder hin. Bald wäre sie sechzehn Jahre alt. Es soll Katzen geben, die zwanzig werden. Jetzt ist es 15 Uhr 15. Und etwas tropft da in die Tastatur.

 

Die 81jährige Schriftstellerin Patricia Grace, deren Vater Maori war, sagt in einem Interview (Zeit-Magazin 25/19): »Noch im ersten Weltkrieg durften Maori nicht kämpfen. Braune Männer sollen nicht auf weiße schießen. Nur Gräben ausheben oder Wasser tragen war ihnen gestattet.« Wie traurig ist das und wie absurd: Wenn erst mal alle auf alle schießen dürfen, gibt es eine Diskriminierung weniger. In vielen Dörfern kam dann vom zweiten Weltkrieg kein einziger junger Maori zurück.

Bahnfahrt nach Bern. Kaum Leute, es ist ruhig. Im Abteil rechts von mir sitzen zwei ältere Männer mit dicken Bäuchen und Wanderschuhen, einer mit kurzer, einer mit langer Hose. Sie schauen aus dem Fenster, sonst tun sie nichts. Kein Handy, keine Zeitung. Einmal fällt eine Sonnenbrille zu Boden. Kurzhose, der sie aufhebt, ächzt. Einmal sagt Langhose: Ja, ja, diese Frauen. Schätzungsweise zehn Minuten später sagt Kurzhose: Hörnlisalat ist auch was Gutes. Draußen grünes Sommerfelderland, lockere Laubbaumwälder. Langhose sagt: Tust du Tomate dran? Nie, sagt Kurzhose. Die Zug braust durch die Bahnhöfe, eine Stunde Fahrt ohne Halt bis Bern. Langhose sagt: Dass du eine Schwester hast, hab ich nicht gewusst. Rosmarie, sagt Kurzhose. Rosemarie oder Rosmarie?, fragt Langhose. Kein e, sagt Kurzhose. Dann sind wir in Bern.

Ich lade die Frau ein, die vor kurzem ihren Mann verloren hat – ich würde mich schlecht fühlen, wenn ich nichts für sie täte. Ich gehe an eine Lesung, die mich nicht interessiert – der Lesende wäre sonst verletzt und das wäre mir unangenehm. Ich spende den Weißhelmen in Syrien hundert Franken – ich hätte sonst kein gutes Gewissen. Ich rühme einen Aufsatz, den mir mein Enkel geschickt hat– ich käme mir mies vor, wenn ich’s nicht machte. Ich bringe eine Torte vom teuersten Konditor – sonst fände man mich mickrig und so möchte ich nicht wirken. Ich bemühe mich ein falsches Kompliment zu machen – wenn nicht, wäre der andere traurig, und das würde mich belasten. So ist das: Was ich für andere tue, tue ich für mich selbst.

Ab und zu ertappe ich mich, dass ich Abschied nehme von Sachen, die mich über Jahr und Tag ganz unauffällig begleiten. Plötzlich ploppt dies oder das aus der alltäglichen Selbstverständlichkeit kurz auf. Tschüss, sag ich dann. Tschüss zum Hirtentäschel, dem kleinblütigen unscheinbaren Kraut – warst eine treue Seele. Tschüss zur Grossen Klette, dem riesenblättrigen Waldgepflänz – dich gibt’s bestimmt noch lange. Tschüss zum Spinnennetz am Gartenhaus – hab dir nie gesagt, wie perfekt du bist. Tschüss zum weißen Kaffeekrug – du wirst mich überleben. Tschüss zum Wolkenhimmel über der Linde – wie kannst du nur so schön sein.

Gestern war er noch nicht da, heute frühmorgens lag er auf dem Weg im Wald: ein rechter Schuh, ein Winter-Damenschuh mit Absatz, eine Stiefelette nennt man das. Muss einer zierlichen Person gehört haben. Jetzt ist der Schuh zerrissen und hat wohl monatelang im Wald gelegen, ist mürb und moosbraungrün geworden wie faules Holz. Wer hat den Schuh an diesem Sommermorgen ans Licht gezerrt? Und wozu? Und warum hat die Frau den Schuh im Wald gelassen, wo’s doch Winter war? Hat sie ihn verloren, als sie vor etwas geflohen ist? Vor einem Mann vielleicht, nach einem Schäferstündchen? Aber warum ging sie zu einem Stelldichein in den Wald, wo’s doch Winter war und Stiefelettenzeit? Und wo liegt nun der zweite Schuh? Und wann hört diese Fragerei endlich auf?

Plötzlich ist die Katz alt. Im Winter hatte ihr Pelzmäntelchen noch ein dünnes Speckfutter. Das ist jetzt weg. Sie ist nur noch ein schwarz bezogenes Skelett, beim Streicheln spüre ich die Knochen. Sie nimmt sich nicht mehr die Mühe, zum Essnapf zu gehen, aus dem Fenster zu spähen, durch den Garten zu schleichen. Sitzt einfach da und lebt. Wohl rafft sie sich auf, ein bisschen zu essen, wenn ich ihr den Teller bringe, wohl setzt sie ein zaghaftes Schnurren in Gang, wenn ich sie lang genug streichle. Im Oktober wird sie sechzehn. Und wir sind nun ihr Seniorenheim und sollten über der Tür ein schönes Namensschild anbringen: »Vogelsang« oder »Maushain«.

Wie schnell eine Idylle kippt. Da war doch gestern noch viel fiebriges Gezwitscher im Vogelhäuschen unter der rosaroten Blütenwolke der Waldrebe. Die Meiseneltern flogen permanent aus und ein und brachten Futter für ihre Winzlinge. Und die Waldrebe blühte derweil so wild drauflos, dass man die Knospen fast platzen hörte. Schön war das alles, einfach perfekt, bis zum Prasselregen heute Nacht. Am Morgen hingen die Waldrebenblüten schlappnass in der Tristesse, und zwei Meisenkinder lagen tot am Boden, ganz kleingewaschen, die Beinchen steif wie Draht, die gelben Winzigschnäbel zu. Hei, was für ein kurzes Lebenchen.

Sprache ist wunderbar tückisch! Sogar wenn man etwas korrekt schreibt, kann es falsch wirken. So stand dieser Tage in der Sonntagszeitung über einen Regisseur: »Außerdem hat er eine Klage einer anderen Schauspielerin wegen sexueller Belästigung am Hals…« Sexuelle Belästigung am Hals ? Wie geht das? Wie erregend ist das? Kann mich jemand aufklären? Meine Fragen werden müßig, wenn man das »am Hals« einfach anderswo im Satz platziert. Das Wörterverschieben bringt oft Klarheit. Schon Mark Twain fand: »Wenn doch die Deutschen das Verb so weit nach vorne zögen that one it without a telescope discover can.«

An der Storchengasse in Zürich bleibe ich gern vor Schaufenstern stehen, weil da so wahnsinnig teure Scheußlichkeiten für strohdumme Schönheiten angeboten werden. Ein Paar goldene Sandalen aus Schlangenleder für 1100.- oder eine pinke tophässliche Handtasche für 3000.-, entworfen von Heiligen wie Sankt Prada, Saint Laurent, Santa Gucci. Heute lagen weiße Sneakers verschiedener Größen in der sakralen Vitrine. Ich habe noch nie mit weißen Turnschuhen gegen einen Autopneu gekickt, kann mir aber nun vorstellen, wie Schuhe danach aussähen: so wie die in der Vitrine, nämlich extra schwarz verschmiert und verfleckt an Gummirand und Stoff. Das ist der letzte Cri. Schuhe, die aussehen wie bereits getragen. Ein Preisschild fehlte. Ich weiß zwar, dass man extra-zerrissene Hosen kauft und T-Shirts mit aufgedruckten Achselschweißflecken. Trotzdem: Kopfschütteln. Wann werden die modischen Zahnärzte den Gebissen einen kariösen Look verpassen?

Die Glyzinie am Tessiner Ferienhaus ist weg. Gerardo hat sie gefällt, statt sie nur zurückzuschneiden. Wir wollten doch bloß, dass sie nicht mehr durch die Fensterläden in die Zimmer wächst. Ein Missverständnis. Mi sono sbagliato, sagt er. Mi dispiace molto, sagt er. Weg ist sie, keine duftende hellblaue Blütenwolke mehr im Monat Mai. Gerardo ist bleich. Sie werde nachwachsen, sagt er. Ja, da ist ein kleiner Spross am Strunk, aber es wird Jahre dauern, bis die Glyzinie wieder die alte Größe hat und das Blau vom Himmel holt. Gerardo ist erschreckend bleich. Beim Schlüsselbein hat er einen weißen Verband, warum?  Darunter sei der Port für die Chemo-Infusionen. Wir haben nicht gewusst, dass er krank ist, so krank. Die Glyzinie, so sie wieder wächst, wird uns an Gerardo erinnern.

Heute war in der Zeitung der Schreibtisch von einem unserer sieben Bundesräte abgebildet: Notebook, Briefumschläge, Kopfhörer, Sanduhr …Der Mann hat das Departement des Innern unter sich und ist also schweizweit verantwortlich für Gesundheit, Veterinärwesen, Sozialversicherungen, Gleichstellung, Kultur und so manch anderes. An diesem Schreibtisch macht er sich Gedanken über Altmenschen und Krankmenschen, Bücher und Filme, Schweine und Hühner. Er hat gute Chancen, Lösungen zu finden, denn er ist ein praktisch denkender Mensch. Warum ich das weiß? Er hat – das Foto zeigt es – den USB-Stick an seinem Notebook, der wohl an Wackelkontakt leidet, mit einem Radiergummi gestützt. Das gibt mir so was wie Vertrauen.

Das ist ein Moment, den ich jederzeit mit Freude aus meiner Erinnerung hole: Ich liege im Halbdunkeln im Bett im Hotel im Zentrum von Marrakesch. Das Hotel ist ein sehr bescheidenes kleines sogenanntes Riad. Die Zimmer sind um einen Hof angeordnet, im Hof stehen Zitronenbäume und Bananenstauden. Die Bettlampe funktioniert nicht, dem Nachttischchen fehlt ein Bein, und der Vorhang ist gerissen, dämmriges Licht fällt durchs Fenster, wird heller, und jetzt dann bald, jetzt dann gleich, jetzt ist er da, der Moment: Ein gewaltiges Spatzengezwitscher geht los im Zitronenbaum und gleichzeitig setzt der müde, klagende Ruf des Muezzin ein, und ich weiß, die Türen rundum im Hof werden demnächst aufgehen und die verschlafenen Gesichter meiner Familie werden zum Vorschein kommen, und wir werden an den wackligen Tischchen Pfefferminztee oder Nescafé trinken und jemand wird sagen: Wieder ein Tag!

Eine Leserin will wissen, warum ich im Roman »Aufräumen« einer Figur ausgerechnet ihren Mädchennamen gegeben habe. Ich weiß es nicht! Ich hab halt einfach einen Namen gebraucht. Keinen ausgefallenen, keinen übernutzten, keinen extra sinnigen. Einen Namen, der nicht verwirrt und den Lesefluss nicht stört. Einen Namen, der sich aussprechen und vorlesen lässt, der in die Zeit der Geschichte passt. Keinen Namen aus meinem Freundeskreis. Und hätte ich einen Feindeskreis – auch daraus nicht. Ist meine Buch-Figur unangenehm, unsympathisch oder kriminell, checke ich im Internet, ob eine lebende oder verstorbene Person gleichen Vor- und Nachnamens zu finden ist. Nein. Oder doch? Ja, ein wohl netter Dachdecker in Mecklenburg heißt tatsächlich so wie mein erfundenes Biest. Also Namen ändern. Von neuem suchen. Ich habe eine Liste aller Namen aus meinen Büchern angelegt, damit ich nicht zweimal einen Max oder eine Ina ins Spiel bringe. Wiederholungen gibt es ja leider ohnehin genug.

Es ist gar nicht so lange her, dass sich der Mensch in einem Flugzeug von der Erde gelöst hat: Vor etwa zweihundert Jahren konstruierte der Schneider von Ulm einen flugfähigen Hängegleiter, stürzte dann allerdings erbärmlich ab, unter dem Spott der Zuschauer. Vor etwa hundert Jahren schaffte Otto Lilienthal mit seinem Gleitflugzeug eine Flugweite von 250 Metern, und Gustav Weißkopf brachte es ein paar Jahre später in seinem Motorflugzeug auf eine halbe Meile. 2018 verzeichneten die Luftfahrtgesellschaften 4,1 Milliarden Passagiere. Da heißt: zu jeder Stunde waren eine Million Menschen in der Luft. Lieber Schneider von Ulm, hättest du das gedacht? »Gott wird es nicht zulassen«, schrieb 1640 der Jesuit Lana Terzi zu seinem Luftschiffprojekt, »dass eine solche Maschine zustande kommt.« Nun, sie ist zustande gekommen. Zu Tausenden zerkratzen die Flugmaschinen den Himmel. Und angesichts des Klimawandels wird aus Flugeuphorie nun Flugscham. Hättest du das gedacht, lieber Schneider von Ulm?

Wunderbar weiche Schuhe hab ich mir gekauft, olivgrün mit gelber Gummisohle und so was von chic. Die Marke heißt »Think!« Erst zu Hause sehe ich, dass auf der Sohle ein Text eingraviert ist, auf dem linken Schuh englisch, auf dem rechten deutsch. Er lautet: »Die Seele hat die Farbe deiner Gedanken.« Ich kenne diesen schönen Satz gut, denn ich habe ihn in meinem letzten Roman zitiert. Er stammt aus den »Selbstbetrachtungen« des Philosophen und Staatsmanns Marc Aurel. Das ist mir jetzt ein bisschen peinlich, dass ich in meinen neuen Schuhen die ganze Zeit auf Marc Aurel herumtrampeln werde. Zwar war Aurel ein Stoiker. Aber trotzdem.

Bin gierig auf neues Grün, der Bärlauch ist schon da, aber in den Bäumen tut sich noch nichts. Die Birke, eine der ersten Blattmacherinnen, hat noch keinen Hauch von Grün, schon gar nicht einen Schleier. Kahl, kahl, alles kahl. Da rutscht mir wieder mal so ein »Alle-Jahre-wieder-ach-die-Natur«-Gelaber in die Tasten. Entschuldigung. Ha, beim Birnbaum kommt etwas zum Vorschein: Die Knospen sind in der Mausohrphase, so heißt es in der Obstbausprache, wenn sich der erste Blattzipfel aus der Knospe herausschiebt, ein grünes feines Öhrchen. Eigentlich ist die Knospenzeit auch ganz schön, so schön wie Vorfreude. In den winzigen, glänzenden, brauen Knospen der Linde man hört es schon fast pochen, das grüne Herz des Sommers. Entschuldigung.

Mein neuer Roman ist fertig, die letzte Korrektur ist im Kasten, huch! Freude, wo bist du? Sie zeigt sich nicht. Vor mir liegt ein Stapel von zweihundert Blättern – die Arbeit von zwei Jahren und fünf Monaten – und ich will ihn erst mal überhaupt nicht mehr sehen. So geht es mir immer, wenn etwas fertig ist. Der Stapel kommt aufs Regal. Erst wenn der Verlag den Roman herausbringen will, wenn überhaupt und gesetztenfalls, werde ich mich wieder an meinen Text heranwagen, am Bildschirm samt Einwänden und Korrekturen der Lektorin. Und erst wenn das fertige Buch vor mir liegt, wenn überhaupt und gesetztenfalls, werde ich wieder fragen: Freude, wo bist du?

Heute war ich an der Klima-Demo. Irgendwo in der Menge liefen meine großen Enkel mit. »Wessen Klima?« »Unser Klima!« skandierten die jungen Leute. Ich konnte da nicht mitrufen, ich bin zu alt, mein Klima wird es nicht mehr sein. Es goss wie aus Kübeln. Wenn man auf eine Mauer stieg und die Menge von oben betrachtete, sah sie unter den vielen bunten Regenschirmen aus wie ein langsamer, vielfarbiger Tatzelwurm, ein zwanzigtausendfüßiges Wesen. »Runter mit dem CO2!« und die Schirme senkten sich, »Rauf mit dem »Klimaziel!« und die Schirme hoben sich. Da sah wunderschön aus, und ich war froh, Teil der Menge zu sein, dabei ist mir eigentlich unheimlich, wenn mehr als zehn Leute dasselbe rufen oder die Arme hochstrecken

Meinen Geburtstagsmonat, den März, mag ich nicht sonderlich. Kahl, braun, kalt. Ein paar grellbunte Krokusse wie aus dem Pflanzenversandkatalog. Zähle ich neun Monate rückwärts, lande ich im Juni, da hat man mich gemacht. Den Juni mag ich sehr. Nicht nur, weil sich meine Eltern im Juni wohl gut mochten. Heute habe ich eine alte Freundin angerufen, ein Märzkind wie ich, jetzt lebt sie im Heim. »Viel Glück zum Geburtstag«, sage ich. »Ja«, sagt sie. »Feiert ihr ein bisschen?«, frage ich. »Ich habe mein Bett neu bezogen«, sagt sie. »Bestimmt hast du heute Besuch«, sage ich. »Ich habe singen müssen«, sagt sie. »War das schön?«, frage ich. »Ich habe mein Bett neu bezogen«, sagt sie.

»clicktopray.org« heißt die offizielle Gebets-App des Papstes. Sie liefert dreimal täglich einen Gebetsimpuls. Heute Nachmittag lautet das Gebet »Komm, Herr, hör die Schreie der Leidenden und rette sie von Ungerechtigkeit«. Das wird in zahlreichen Sprachen angeboten, etwa in Aserbaidschanisch oder schottischem Gälisch. Auf Zulu heißt es so: »Woza, Nkosi, uzwe ukukhala kwalabo abahlupheka futhi ubakhulule ekungabikho kokungabi nabulungisa.« Das Vorgehen scheint mir etwas zu einfach: Man ermuntert den Herrn, die Schreie der Leidenden zu hören, und hat damit die Sache abgehakt. Ich denke, man müsste eher selber hinhören, wenn geschrien wird. Oder zumindest dem Herrn einige konkrete Hinweise unterbreiten: »Komm, Herr, verbiete die Fabrikation von Waffen. Komm, Herr, unterstütze den Gebrauch von Kondomen. Komm, Herr, verteile das Kapital. Amen.« (Und ein Dank für etwas Wunderschönes wie den blühenden Haselbusch müsste auch noch mit rein.)

Schau mal, Kind, der Himmel! Früher bewirkte so ein Blick nach oben Andacht vor der Unendlichkeit und Staunen vor der großen Bläue. Heute eignet er sich für eine Geometrielektion. Die Kondensstreifen der Jets zeichnen sie vor: Das schiefe Viereck dort heißt Rhombus, es hat vier gleich lange Seiten und die gegenüberliegenden Winkel sind gleich. Das Kreuz da drüben bildet vier rechte Winkel zu je 90 Grad. Und da, die Parallelen, wie nennt man den Punkt, wo sie sich treffen? Ach, unser blaues Firmament wird immer zerkratzter, besser man wirft nachts einen Blick nach oben. Schau mal. Kind, der Himmel! Dort, ganz hell, die Venus. Und dort der Orion. Und das lichte Band da drüben: die Milchstraße. Wie eh und je …

Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman besucht gerade Pakistan. Zu Tausenden werden Sicherheitskräfte in die Hauptstadt Islamabad entsandt. Dem Kronprinzen wird, wie das so üblich ist, ein Geschenk überreicht. Was macht einem Kronprinzen Freude? Genauer: Was macht einem saudischen Kronprinzen Freude? Ein Schachspiel aus Jade? Nein. Sprechende Badeschlappen? Nein. Eine vergoldete Maschinenpistole, das ist es! Das kann er brauchen. Es handelt sich um den Typ Heckler & Koch MP5. Aber vergoldet! Sie schießt wunderbar tödlich. Ob auch die Munition vergoldet ist, wurde nicht bekanntgegeben.

 

 

Um neun Uhr morgens dümpeln mehrheitlich schmallippige alte Frauen wie ich im warmen Indoor-Sprudelbad, recken das Kinn in die Höh, wollen die Frisur nicht gefährden. Dann seh ich plötzlich ein jüngeres Gesicht, das taucht auf und ab und lässt sich überfluten und hat Lippen wie ein Karpfen. Später treffe ich die Lippenfrau in der Garderobe wieder. Nicht nur der Mund ist gigadick gespritzt, auch die Brüste sind riesig, wie vollgepumpt mit Luft, sie platzen gleich, und ich kann nicht anders als hinschauen. Wie leid sie mir tut, die ansonsten schmale Gestalt, die jetzt sorgsam Netzstrümpfe die Beine hochrollt. Ich wünsche ihr, sie könnte eine andere Uniform anziehen, für einen anderen Beruf.

 

 

Ich setze mich ans Steuer und fahre los. Da piepst es, und auf dem Display erscheint die Meldung: Person auf dem Nebensitz ist nicht angeschnallt. Ich bin allein im Auto und wundere mich, was ich mit dieser Meldung anfangen soll. Doch sie erlischt alsbald und das Piepsen hört auf. Na also. Nach ein paar Dutzend Metern heißt es erneut: Person auf dem Nebensitz ist nicht angeschnallt. Ja, Gopfnochmal! Ich bin doch allein im Auto. Ich dreh sogar extra den Kopf zum Nebensitz. Da ist niemand. Es sei denn ein Geist. Muss ich mir jetzt ausmalen, dass sich meine kürzlich verstorbene Schwester von mir chauffieren lässt, um irgendwo noch etwas Unerledigtes in Ordnung zu bringen? Nein, an Geister hab ich noch nie geglaubt. Gerade als ich das Display anschreien will, sehe ich aus dem Augenwinkel etwas Dunkles auf dem Nebensitz hocken. Mein Rucksack! Beladen mit Büchern und Gusseisentopf, so schwer wie nie! Ich stoße ihn energisch vom Sitz auf den Boden. Runter mit dir, du Person.

Zwischen den Regalen im Migros: Es scheint, dass die junge Ladengehilfin gefunden hat, was der englischsprechende Kunde will – Hefe. Sie hält ihm ein Beutelchen vors Gesicht. »Dry?«, sagt er. Sie streckt ihm zwei weitere Beutelchen entgegen. Er schüttelt den Kopf. Ich mische mich ein: »Ja, dry, Trockenhefe.« Jetzt will er noch flour. » Blumen dort drüben sind«, sagt die junge Gehilfin freundlich. Ich mische mich noch einmal ein, zeige dem Mann das Regal mit dem Mehl, und die Gehilfin fährt fort, Dosen aufeinander zu stapeln. Ich nehme an, sie wird leicht verletzt sein. Nein, wütend wird sie sein, wo sie sich doch eine Scheißmühe gibt in diesem Scheißjob, und dann kommt so ein englischer Wichtsack daher und so eine Besserwissertante.

Zahlen erzählen Geschichten: 21,4% der Menschen in Simbabwe haben pro Tag weniger als 1,9 Dollars zur Verfügung, was als »absolute Armut« gilt. (Zahlen der Weltbank 2015.) Dreißig Jahre lang wurde Simbabwe von Präsident Mugabe regiert – erst ein Politiker voller Ideale, später ein sich bereichernder Diktator. Große Hoffnungen setzte man 2017 in seinen Nachfolger Mnangagwa. Heute lese ich im Tages-Anzeiger, dass Mnangagwa für seine jüngste Reise nach Russland und in andere ehemalige Sowjetstaaten die Boeing 767 Dreamliner charterte. Sie gilt als fliegendes 7-Stern-Hotel und kostet etwa 73000 Euro pro Stunde. Das macht für die Reise einen Gesamtpreis von 22 Millionen Franken, schätzt man. Oder schätzt man eben nicht, wenn man im Tag weniger als 1.9 Dollar hat. Proteste sind angekündigt, und die Schlägertrupps von Mnangagwas Partei sind bereits unterwegs.

Ich habe ein bisschen Mitleid mit blöden Leuten. Da verspricht eine Zeitung Stylingtricks für die Wohnung, »um mit wenig Aufwand viel Lebendigkeit zu schaffen.« So soll man sich mit Zeitschriften gefüllte Körbe anschaffen, und man soll Bilder nicht aufhängen, sondern möglichst in Stapeln verkehrt rum gegen die Wand stellen. Wer ist blöder, der arme Zeitungsmacher, der so was vorschlägt oder der arme Zeitungsleser, der so was befolgt? Beiden rate ich, nach dem Lebendigkeitsstyling noch ein paar Kinderchen durchs Zimmer zu jagen, welche die Zeitungskörbe ausleeren und aus den Bilderstapeln Hütten bauen.

Warum sagen wir zum Überbrücken von Sprechpausen immer ähm? Mir fällt zu dieser ähm belanglosen Frage keine ähm plausible Antwort ein. ün oder tsch gingen doch auch. Ebenso pf oder lö oder nz. Man muss es nur einmal durchspielen: Liebe Parteifreunde, verehrte nz Gäste, wie schön, dass Sie alle nz erschienen sind, ich nz heiße sie nz herzlich willkommen. Zuerst übergebe ich das Wort Herrn nz Mei nz Müller …«. Nein, klingt doch nicht so überzeugend, es bräuchte etwas ähm Sanfteres, etwas ähm Dehnbareres. Scheint, dass sich gängige ähm Wendungen nicht so einfach über den ähm Brocken ähm Klumpen ähm Haufen werfen lassen.

Dramolett in einem Akt. Dauer: vier Sekunden. Schauplatz: Lift im Einkaufszentrum. Personen: junge Frau mit Kind, älterer Mann, ich. Der Lift fährt aufwärts, die Frau hätte nach unten gewollt, sagt »O je«. Darauf schreit das Kind »O je!« »O je!« »O je!« »O je!« »O je!« – es ist ein lautes Kind. »Ich habe so einen Enkel, etwas älter«, sagt der Mann. Das Kind verstummt. »Mein Enkel hat eine Scheune angezündet«, sagt der Mann. »Eine ganze Scheune?«, sage ich. »Ja, eine ganze«, sagt der Mann. »Ratz fatz.« Der Lift hält. Der Mann und ich steigen aus. Ende des Dramoletts. Nach einer wahren Geschichte.

 
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