»clicktopray.org« heißt die offizielle Gebets-App des Papstes. Sie liefert dreimal täglich einen Gebetsimpuls. Heute Nachmittag lautet das Gebet »Komm, Herr, hör die Schreie der Leidenden und rette sie von Ungerechtigkeit«. Das wird in zahlreichen Sprachen angeboten, etwa in Aserbaidschanisch oder schottischem Gälisch. Auf Zulu heißt es so: »Woza, Nkosi, uzwe ukukhala kwalabo abahlupheka futhi ubakhulule ekungabikho kokungabi nabulungisa.« Das Vorgehen scheint mir etwas zu einfach: Man ermuntert den Herrn, die Schreie der Leidenden zu hören, und hat damit die Sache abgehakt. Ich denke, man müsste eher selber hinhören, wenn geschrien wird. Oder zumindest dem Herrn einige konkrete Hinweise unterbreiten: »Komm, Herr, verbiete die Fabrikation von Waffen. Komm, Herr, unterstütze den Gebrauch von Kondomen. Komm, Herr, verteile das Kapital. Amen.« (Und ein Dank für etwas Wunderschönes wie den blühenden Haselbusch müsste auch noch mit rein.)

Schau mal, Kind, der Himmel! Früher bewirkte so ein Blick nach oben Andacht vor der Unendlichkeit und Staunen vor der großen Bläue. Heute eignet er sich für eine Geometrielektion. Die Kondensstreifen der Jets zeichnen sie vor: Das schiefe Viereck dort heißt Rhombus, es hat vier gleich lange Seiten und die gegenüberliegenden Winkel sind gleich. Das Kreuz da drüben bildet vier rechte Winkel zu je 90 Grad. Und da, die Parallelen, wie nennt man den Punkt, wo sie sich treffen? Ach, unser blaues Firmament wird immer zerkratzter, besser man wirft nachts einen Blick nach oben. Schau mal. Kind, der Himmel! Dort, ganz hell, die Venus. Und dort der Orion. Und das lichte Band da drüben: die Milchstraße. Wie eh und je …

Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman besucht gerade Pakistan. Zu Tausenden werden Sicherheitskräfte in die Hauptstadt Islamabad entsandt. Dem Kronprinzen wird, wie das so üblich ist, ein Geschenk überreicht. Was macht einem Kronprinzen Freude? Genauer: Was macht einem saudischen Kronprinzen Freude? Ein Schachspiel aus Jade? Nein. Sprechende Badeschlappen? Nein. Eine vergoldete Maschinenpistole, das ist es! Das kann er brauchen. Es handelt sich um den Typ Heckler & Koch MP5. Aber vergoldet! Sie schießt wunderbar tödlich. Ob auch die Munition vergoldet ist, wurde nicht bekanntgegeben.

 

 

Um neun Uhr morgens dümpeln mehrheitlich schmallippige alte Frauen wie ich im warmen Indoor-Sprudelbad, recken das Kinn in die Höh, wollen die Frisur nicht gefährden. Dann seh ich plötzlich ein jüngeres Gesicht, das taucht auf und ab und lässt sich überfluten und hat Lippen wie ein Karpfen. Später treffe ich die Lippenfrau in der Garderobe wieder. Nicht nur der Mund ist gigadick gespritzt, auch die Brüste sind riesig, wie vollgepumpt mit Luft, sie platzen gleich, und ich kann nicht anders als hinschauen. Wie leid sie mir tut, die ansonsten schmale Gestalt, die jetzt sorgsam Netzstrümpfe die Beine hochrollt. Ich wünsche ihr, sie könnte eine andere Uniform anziehen, für einen anderen Beruf.

 

 

Ich setze mich ans Steuer und fahre los. Da piepst es, und auf dem Display erscheint die Meldung: Person auf dem Nebensitz ist nicht angeschnallt. Ich bin allein im Auto und wundere mich, was ich mit dieser Meldung anfangen soll. Doch sie erlischt alsbald und das Piepsen hört auf. Na also. Nach ein paar Dutzend Metern heißt es erneut: Person auf dem Nebensitz ist nicht angeschnallt. Ja, Gopfnochmal! Ich bin doch allein im Auto. Ich dreh sogar extra den Kopf zum Nebensitz. Da ist niemand. Es sei denn ein Geist. Muss ich mir jetzt ausmalen, dass sich meine kürzlich verstorbene Schwester von mir chauffieren lässt, um irgendwo noch etwas Unerledigtes in Ordnung zu bringen? Nein, an Geister hab ich noch nie geglaubt. Gerade als ich das Display anschreien will, sehe ich aus dem Augenwinkel etwas Dunkles auf dem Nebensitz hocken. Mein Rucksack! Beladen mit Büchern und Gusseisentopf, so schwer wie nie! Ich stoße ihn energisch vom Sitz auf den Boden. Runter mit dir, du Person.

Zwischen den Regalen im Migros: Es scheint, dass die junge Ladengehilfin gefunden hat, was der englischsprechende Kunde will – Hefe. Sie hält ihm ein Beutelchen vors Gesicht. »Dry?«, sagt er. Sie streckt ihm zwei weitere Beutelchen entgegen. Er schüttelt den Kopf. Ich mische mich ein: »Ja, dry, Trockenhefe.« Jetzt will er noch flour. » Blumen dort drüben sind«, sagt die junge Gehilfin freundlich. Ich mische mich noch einmal ein, zeige dem Mann das Regal mit dem Mehl, und die Gehilfin fährt fort, Dosen aufeinander zu stapeln. Ich nehme an, sie wird leicht verletzt sein. Nein, wütend wird sie sein, wo sie sich doch eine Scheißmühe gibt in diesem Scheißjob, und dann kommt so ein englischer Wichtsack daher und so eine Besserwissertante.

Zahlen erzählen Geschichten: 21,4% der Menschen in Simbabwe haben pro Tag weniger als 1,9 Dollars zur Verfügung, was als »absolute Armut« gilt. (Zahlen der Weltbank 2015.) Dreißig Jahre lang wurde Simbabwe von Präsident Mugabe regiert – erst ein Politiker voller Ideale, später ein sich bereichernder Diktator. Große Hoffnungen setzte man 2017 in seinen Nachfolger Mnangagwa. Heute lese ich im Tages-Anzeiger, dass Mnangagwa für seine jüngste Reise nach Russland und in andere ehemalige Sowjetstaaten die Boeing 767 Dreamliner charterte. Sie gilt als fliegendes 7-Stern-Hotel und kostet etwa 73000 Euro pro Stunde. Das macht für die Reise einen Gesamtpreis von 22 Millionen Franken, schätzt man. Oder schätzt man eben nicht, wenn man im Tag weniger als 1.9 Dollar hat. Proteste sind angekündigt, und die Schlägertrupps von Mnangagwas Partei sind bereits unterwegs.

Ich habe ein bisschen Mitleid mit blöden Leuten. Da verspricht eine Zeitung Stylingtricks für die Wohnung, »um mit wenig Aufwand viel Lebendigkeit zu schaffen.« So soll man sich mit Zeitschriften gefüllte Körbe anschaffen, und man soll Bilder nicht aufhängen, sondern möglichst in Stapeln verkehrt rum gegen die Wand stellen. Wer ist blöder, der arme Zeitungsmacher, der so was vorschlägt oder der arme Zeitungsleser, der so was befolgt? Beiden rate ich, nach dem Lebendigkeitsstyling noch ein paar Kinderchen durchs Zimmer zu jagen, welche die Zeitungskörbe ausleeren und aus den Bilderstapeln Hütten bauen.

Warum sagen wir zum Überbrücken von Sprechpausen immer ähm? Mir fällt zu dieser ähm belanglosen Frage keine ähm plausible Antwort ein. ün oder tsch gingen doch auch. Ebenso pf oder lö oder nz. Man muss es nur einmal durchspielen: Liebe Parteifreunde, verehrte nz Gäste, wie schön, dass Sie alle nz erschienen sind, ich nz heiße sie nz herzlich willkommen. Zuerst übergebe ich das Wort Herrn nz Mei nz Müller …«. Nein, klingt doch nicht so überzeugend, es bräuchte etwas ähm Sanfteres, etwas ähm Dehnbareres. Scheint, dass sich gängige ähm Wendungen nicht so einfach über den ähm Brocken ähm Klumpen ähm Haufen werfen lassen.

Dramolett in einem Akt. Dauer: vier Sekunden. Schauplatz: Lift im Einkaufszentrum. Personen: junge Frau mit Kind, älterer Mann, ich. Der Lift fährt aufwärts, die Frau hätte nach unten gewollt, sagt »O je«. Darauf schreit das Kind »O je!« »O je!« »O je!« »O je!« »O je!« – es ist ein lautes Kind. »Ich habe so einen Enkel, etwas älter«, sagt der Mann. Das Kind verstummt. »Mein Enkel hat eine Scheune angezündet«, sagt der Mann. »Eine ganze Scheune?«, sage ich. »Ja, eine ganze«, sagt der Mann. »Ratz fatz.« Der Lift hält. Der Mann und ich steigen aus. Ende des Dramoletts. Nach einer wahren Geschichte.

 
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